access_time Publié 27.03.2018

Plädoyer für datenbasierte Entscheidungen

Dr. med., eMBA Monique Lehky Hagen, Präsidentin Walliser Ärztegesellschaft, Brig-Glis
Dr. med., eMBA Peter Wiedersheim, ehem. Co-Präsident KKA, St. Gallen

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Plädoyer für datenbasierte Entscheidungen

27.03.2018

Umfrage bei IT-Betrieben zum Tarifeingriff 2018 von Bundesrat Berset

Die sehr kurzfristig, erst am 18. Oktober 2017 publizierte Verordnung von Bundesrat A. Berset zu den ab 1. Januar 2018 zu implementierenden Tarifanpassungen im TARMED führte zu einer enormen Verunsicherung und Agi­tation bei der Ärzteschaft und verschiedenen IT-An­bietern. Divergierende Angaben zur technischen Um­setzbarkeit standen im Raum. Entsprechend wichtig schien es der KKA (Konferenz der kantonalen Ärzte­gesellschaften) und SOS SANTÉ (Allianz für Versorgungssicherheit in der ambulanten Medizin), die Sachlage rasch zu klären, um entsprechende strategische Massnahmen treffen zu können. Eine anonymisierte standardisierte Umfrage bei 26 der bekanntesten Praxis-Software-Anbietern mit einer Rücklaufquote von 54% ermöglichte es, den Präsidenten der kantonalen Ärztegesellschaften bereits am 24. November 2017 richtungsweisende Ergebnisse zu liefern. Es zeigte sich, dass eine technische Umsetzung, wenn auch mit Schwierig­keiten verbunden, fristgerecht möglich sein sollte. Es wurde entschieden, diese Umfrage in Zusammen­arbeit mit der FMH auf 97 registrierte Praxis-Software-Anbieter auszuweiten. Die erweiterte Umfrage fand vom 1.–14. Dezember 2017 statt und lieferte kohärente Ergebnisse, die ein Festhalten am Strategieentscheid von November 2017 bestärkte, keine kollektiven Boykottmassnahmen gegen diese äusserst suboptimal ausgearbeitete und mit vielen Fragezeichen versehene Verordnung zu ergreifen. Aus Transparenzgründen und aufgrund der interessanten Erkenntnisse und Schlussfolgerungen aus dieser bisher nur wenig genutzten strategischen Vorgehensweise sollen hier die wichtigsten Ergebnisse der Umfrage präsentiert werden.
 

Methodologie

Für die Umfrage wurde LimeSurvey genutzt. Sie wurde von 37 der 97 per Mail kontaktierten IT-Firmen vollständig ausgefüllt (38%) und umfasste 11 strukturierte Fragen, einschliesslich einer Frage nach allgemeinen Kommentaren. Zwei Fragen wurden wegen bestehender Unklarheiten in der ersten Erfassungsrunde neu formuliert. Entsprechend fand eine Nacherfassung bei den 14 IT-Firmen statt, die sich an der ersten Befragung beteiligt hatten. Für 12 dieser Firmen, die die Nach­erfassung beantworteten, konnten alle Angaben in die Gesamtauswertung eingebettet werden. Für 2 Firmen fehlten die Angaben der Nacherfassung, so dass in der Schlussauswertung gewisser Fragen nur 35 statt 37 Antworten eingeflossen sind. Eine anonyme Auswertung war garantiert, so dass kein Rückschluss zwischen den Datenbanken und der IP-Adresse der Beteiligten möglich war oder rekonstruiert werden konnte. Aufgrund der gestellten Fragen konnte die innere Kohärenz der Antworten überprüft werden. Diese war hoch. Die Antworten waren qualitativ sehr kohärent und konsistent. Die Teilnahmerate konnte durch Reminder-Mails und Rückfragen von Ärzten bei ihren Anbietern erhöht werden. Die Namen der IT-Firmen, die sich an der Umfrage beteiligt haben, sind am Ende dieses Beitrags aufgeführt.
 

Resultate

Durch die Ausweitung der Umfrage konnten insbe­son­dere mehr IT-Firmen im kleineren Segment (1–49 Praxen) und 1 grosse Firma in der Romandie, kleine ­Anbieter im Tessin und mehrere grössere IT-Firmen (200–1000) der Deutschschweiz zusätzlich erfasst werden. 65% der antwortenden IT-Firmen bedienen exklusiv Arztpraxen ohne Spital- oder Zentrumspraxen. 77% der Antwortenden sind in der Deutschschweiz, 57% in der Romandie und 34,3% im Tessin aktiv. Am meisten vertreten waren in den Antworten die kleinen Betriebe ­(1–49 Installationen/Region), an 2. Stelle Programme mit 200–1000 Installationen/Region und 3. ex aequo gros­se IT-Firmen mit über 1000 Installationen/Region sowie mittelgrosse IT-Praxis-Software-Vertreiber mit 50–199 Installationen/Region. Auffallend und für uns unerwartet war die ­Tatsache, dass sogar in kleinen Kantonen (Appenzell, Obwalden) mindestens 12 verschiedene Anbieter implementiert waren mit einem Maximum von 27 von 37 Ant­wortenden in den grossen Kantonen (Bern, Zürich) (siehe Abb. 1: Anzahl IT-Programme/Kanton). Es zeigt sich auch eine proportional höhere Diversität in zweisprachigen Kantonen wie im Wallis und in Freiburg.

51% der antwortenden IT-Betriebe gaben an, die Implementierung der TARMED-Anpassungen gemäss den bundesrätlichen Vorgaben unter adäquatem Zeitaufwand fristgemäss garantieren zu können. 40,3% gaben Mitte Dezember 2017 an, dies sei nur mit hohem Aufwand und funktionellen Einbussen möglich, es sei unsicher und 8% es sei überhaupt nicht möglich bis zum geforderten Zeitpunkt.

32,4% der Antwortenden fanden das Datum vom 1. 1. 2018 adäquat, 32,3% hätten sich ein späteres Implementierungsdatum gewünscht (zwischen 1. 2. 2018 und 1. 4. 2018), 35% liessen diese Frage offen.

Über 50% der Antwortenden hielten die Implementierung zweier Tarifstrukturen parallel zueinander sowie die unterschiedlichen Mengenlimitationen für Untergruppen für kritisch, entweder zeitlich oder technisch. Die Zuweisung unterschiedlicher Dignitäten fanden 37% kritisch.

40,5% der Antwortenden gaben an, den Kunden die entstandenen Zusatzkosten weiterzuverrechnen. 48,6% der IT-Provider meinten, sie würden die Zusatzkosten über ihre eigenen Reserven abfedern. Der Zeitaufwand für die Praxen für die Implementierung der neuen Abrechnungsmodalitäten wurde auf  ½ bis 2 Arbeitstage geschätzt, für Spitalzentren auf bis zu 5 Arbeitstage. 

Abb.1 Anzahl verwendeter IT-Programmen pro Kanton © Monique Lehky-Hagen


In den Bemerkungen wurden grossmehrheitlich positive Feedbacks zur Umfrage gegeben. Es wurde begrüsst, dass die Meinung der IT-Provider zu diesem Problem, wenn auch etwas spät, eingeholt wurde. Es wurde darauf hingewiesen, dass zeitgleich andere ­Anpassungen wie z.B. ISO-Datenformate, neue ESR-Verfahren (Postfinance) und in gewissen Kantonen zwei divergierende Taxpunktwerte implementiert werden mussten. Es wurde auf noch bestehende Unklarheiten betreffend der Umsetzung und Interpretation der Verordnung hingewiesen, wie auch auf eine massive zeit­intensive Zunahme von telefonischen Rückfragen durch Ärzte. Es wurde bemängelt, dass die Politik bei solchen Entscheiden zu wenig Rücksicht auf die technische Umsetzbarkeit und den Zeitaufwand, der damit verbunden war, nähme. Ebenfalls wurde in den Raum gestellt, dass solche Eingriffe das Überleben der kleinen IT-Provider gefährden würden, da diese nicht über genügende Ressourcen verfügten, solche politischen Notfallübungen fristgerecht umzusetzen. Insbesondere die zeitversetzte Anpassung der KVG-Struktur und die für April 2018 vorgesehene Anpassung der UVG/IV-Tarifstruktur stiessen auf Unverständnis. Es wurde die Hoffnung geäussert, dass Letztere nicht in einer ähnlichen Notfallübung ausufern würde.


Schlussfolgerungen

Trotz eines sehr hohen Zeitdrucks aller Beteiligten konnten innert kurzer Zeit mit verhältnismässig ein­fachen und bescheidenen Mitteln verlässliche und brauchbare Angaben zu dieser wichtigen Problematik gewonnen werden, mit einer guten Rücklaufquote. Wir führen dies auf folgende Faktoren zurück: 

  • Relevante und aktuelle Problematik
  • Vertrauensbasis und garantierte Anonymisierung der Datensammlung
  • Gezieltes Nachfragen durch betroffene Kunden
  • Sinnvolle Zusammenarbeit und Ressourcennutzung verschiedener Verbände und persönlicher Netzwerke. 

Es schiene uns in Anbetracht des sehr guten Kosten-Nutzen-Aspekts dieser Analyse und der Wichtigkeit ­eines datenbasierten Vorgehens sinnvoll, solche Umfragen vermehrt zu nutzen, um abgestützte Entscheidungen fällen zu können. Nicht nur für standespolitische Belange, sondern insbesondere auch für gesundheits­politische Entscheide. Anhand einfacher Mittel liesse sich so die Umsetzbarkeit einer politischen Idee eva­luieren und optimieren. Eine partnerschaftliche und ­respektvolle Zusammenarbeit könnte helfen, viel sinn­losen Stress, unnötige Fehler und Mehraufwand zu minimieren. Sinnvoll erhobene und anonymisierte Daten, in denen die Befragten auch konstruktive Vorschläge einbringen können, sollten vermehrt im richtigen Timing eingesetzt werden.

 

Dank

Wir bedanken uns herzlich bei den IT-Firmen, die sich konstruktiv an dieser Umfrage beteiligt haben, für ihre Unterstützung. Ebenfalls möchten wir uns bei der KKA, SOS SANTÉ (insbesondere Andrea Oertle) und dem Tarifdienst der FMH für die konstruktive Zusammenarbeit und die logistische Unterstützung bedanken.

 

Korrespondenz:
Dr. med. M. Lehky Hagen
Executive MBA
focus healthcare
Englisch-Gruss-Strasse 1
3902 Brig-Glis.
lehkyhagen[at]hin.ch

Teilnehmer an der Umfrage unter den IT-Firmen mit Praxisinformatik betreffend Umsetzung des Tarifeingriffs von Bundesrat Berset per 1. 1. 2018

AB Informatica – Advanced Concepts AG – amétiq ag – ArWin Informatik AG – Ärztekasse Genossenschaft – Axon Lab AG – BB-Soft – bosshart consulting & services – Centre de Confiance CDC/SMV – Compass Information Technology AG – Corona Informatik AG – Delemed AG – Digitag Computer Solutions – E-Medicus – Galenus Engineering – Gartenmann Software AG – GC Med – Global Imaging On Line – GSInformatique SA – Handylife – Hexabit GmbH – ID Informatique et Développement SA – InfoCall Produkte AG – ISE Watt – Kern Concept AG – Logival Informatique SA – Medical IT Services GmbH – Meditron SA – Octet Informatique – Praxinova AG – PraxisHilfe! GmbH | Software für das Gesundheitswesen – PwC / TLS CAS, CAS East – Sansui Consulting – Siplus SA – TMR AG – TMR  ­Triangle Micro Research AG – Vitodata AG (37 Teilnehmer insgesamt)

Dr. med., eMBA Monique Lehky Hagen

Präsidentin Walliser Ärztegesellschaft, Brig-Glis

Dr. med., eMBA Peter Wiedersheim

ehem. Co-Präsident KKA, St. Gallen

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