Horizons

Platons Höhle reloaded

DOI: https://doi.org/10.4414/bms.2019.17698
Date de publication: 10.04.2019
Bull Med Suisses. 2019;100(15):564

Erhard Taverna

Dr. med., Mitglied der Redaktion

Wir leben gefangen in einer Höhle und betrachten die Schatten an der Wand. Sie sind die Abbilder einer übergeordneten, wirklicheren Ideenwelt ausserhalb. Anhänger eines radikalen Konstruktivismus, einer Erkenntnistheorie des 20. Jahrhunderts, haben die Höhle in den Kopf verlagert. Jede Wahrnehmung ist subjektiv, kognitive Strukturen sind neuronale Anpassungen an die Umwelt, genetisch und epigenetisch festgelegt. Unser Gehirn bestimmt, was wir von der Aussenwelt wahrnehmen. Die moderne Hirnforschung entspricht dieser konstruktivistischen Position. Die postnatale Entwicklung des Nervensystems ist bis zur ­Pubertät ein Auf- und Abbau neuronaler Verbindungen. Eine Verschaltungsarchitektur mit strukturellen Veränderungen, die sogar im Mikroskop sichtbar sind. Vor allem visuelle Leistungen des Gehirns sind seit den 1930er Jahren gut erforscht. Ohne vorgegebene Konstellationen von Mustermerkmalen und Gruppierungskriterien können wir keine Bildelemente ­erfassen. In den 1980er Jahren ­provozierte der Neurophysiologe Benjamin Libet einen Streit um die Willensfreiheit. Er wies nach, dass bereits vor dem Gedanken an eine motorische Handlung ein Bereitschaftspotential auftritt. Diese Erregung geht 350 Millisekunden der ­bewussten Intention voraus. Bewusste Willensakte sind eine nützliche Illusion, vorbestimmt in einem ­unbewussten Hirnprozess. Der damalige Aufreger scheint im Zeitalter funktioneller Magnetresonanz­tomografien schon fast naiv. Immer mehr Fähigkeiten des Gehirns werden in künstlichen, informations­verarbeitenden Systemen nachgebaut. Phänomene wie Glücksgefühle, Angst oder freier Wille existieren nur im subjektiven Erfahrungsbereich. Aus naturwissenschaftlicher Sicht sind sie soziale Konstruktionen, zweckmässig, da sie uns helfen für jeden Zustand ­unserer Existenz eine kausale Erklärung zu liefern. Das Neuste kommt von Facebook, Tesla und Google. Brainreading, Gedankenlesen ist zumindest für einfache Bildvorstellungen möglich. Neuronale Aktivitätsmuster werden gemessen und einem gedachten Inhalt ­zugeordnet. Der Computer kann mit hoher Treff­sicherheit die Vorstellungen richtig erkennen. Eine Mensch-Maschine-Schnittstelle scheint sich abzuzeichnen. Medizinische Anwendungen und militärische Interessen treiben die Forschung mit riesigen Geldsummen voran.

fullscreen

Platons Ideenlehre wirkt über den Universalienstreit der Scholastik bis heute nach. Realismus gegen Nominalismus. Allgemeinbegriffe existieren real, die traditionelle Sicht der Kirche. Für Kritiker existieren Allgemeinbegriffe nur in der Fantasie, uns bleiben nur die Namen. Wir jonglieren mit ­gesellschaftlich codierten Begriffsbildungen. Die wahre Natur der Dinge bleibt für Menschen unzugänglich. Ein sicheres Wissen ist damit nicht möglich.

Gute Sci-Fi-Filme greifen diese, im Grunde uralte Frage, wieder auf. Sind wir heute Gefangene technischer Illusionsmaschinen, die unser Leben kontrollieren? Matrix und Matrix reloaded schildern eine Welt, in der die meisten Menschen im Cyberspace gefangen sind. Ein virtuelles Gaukelspiel, aus dem es kein Entrinnen gibt. Die Truman Show zeigt ein Individuum, das unwissentlich von Millionen beobachtet, in einer perfekt inszenierten Umwelt lebt. Inside Out ist ein erfolgreicher Animationsfilm, der die Emotionen seiner Heldin personifiziert. Die gelbe, fröhliche Freude, den blauen, missmutigen Kummer, die rote Wut. Ein Kontrollzentrum im Kopf bedient Knöpfe und Hebel und kontrolliert Stimmungen und Handlungen der Protagonistin. In allen drei Spielfilmen leben die Menschen ohne eigenen Willen in einer Scheinwelt. Natürlich finden sie im Kino einen Ausweg als Helden ihres Schicksals. Doch das Happy End ist fragwürdig. Was, wenn sie nicht mehr herausfänden, wenn sie in ihren Illusionen gefangen blieben, würde das ihr Leben wesentlich ändern? Willensfreiheit lässt sich heute nicht beweisen, ebenso wenig ein absoluter Determinismus. Das kann vielleicht in wenigen Jahrzehnten schon nicht mehr stimmen.

Crédits

Erhard Taverna

Adresse de correspondance

erhard.taverna[at]saez.ch

Verpassen Sie keinen Artikel!

close