Courrier / Communications

Sind Erleichterungen für den Diebstal an den Sozialversicherungen nötig?

DOI: https://doi.org/10.4414/bms.2018.06975
Date de publication: 08.08.2018
Bull Med Suisses. 2018;99(32):1018

Dr. med. François Kapp, Biel-Benken

Sind Erleichterungen für den Diebstahl an den Sozialversicherungen nötig?

Brief zu: Pilet F. Rückkehr der Wachtürme? Schweiz Ärzteztg. 2018;99(25):852.

«...sponte sua, sine lege fidem rectumque colebat.

Poena metusque aberrant, nec verba minantia fixo…» Ovid

Die Zeiten des goldenen Zeitalters sind spätestens seit den Revolutionen vorbei.

Herr Kollege, Sie befürchten als Folge des neuen Sozialversicherungsgesetzes die Einführung der Folter! Zusammen mit Ihrem Tite­l «Rückkehr der Wachtürme?» tönt das etwa­s nach marxistischer Verschwörungs­theorie und Glauben an die Bösartigkeit des «politischen» Establishments. Seit der Herrschaft des Proletariats sind alle Respektper­sonen verdächtig, auch unsere Polizei. Man misstraut ihr, sie wird angepöbelt und angegriffen. Wir haben keinen Vaterstaat mehr, sondern einen Mutterstaat. Wollen wir das? Zahlen wir «guten» Bürger fleissig unsere Sozial­steuern, damit findige Mitbürger sich schlank durch das Leben mogeln dürfen? Sobald es etwas gratis gibt, bemühen sich die Menschen verständlicherweise darum.

Ich habe während 30 Jahren mit Kollegen ein Ambulatorium in einem Industriequartier ­geführt. Die ersten Jahre haben sich mehrere Patienten unseres Quartieres aus Anstand und Scham geweigert, ihre Rechnungen der Krankenkasse zu belasten. Die Polikliniken behandelten die Armen gratis. Dann wurden die Krankenkassen aus Solidarität obligatorisch. Die neuen Bewohner verlangten von uns mehr und mehr auch andere Hilfeleistungen. Es häuften sich Verlangen nach Zeugnissen, Entschuldigungen, Bad-, Turn-, Schul-, ­Arbeitsdispensen, Renten etc. Immer mehr bezogen das Geld von der Kasse und verschwanden, oder zeigten sich sogar stolz wieder, ohne zu zahlen.

Wie oft sah ich, wie vor meiner Praxis «invalide» Rückenpatienten mit ihren Kindern gewagte Kunststücke demonstrierten, um dann mit Krücken in meinem Büro zu erscheinen. Wer sollte Ihrer Meinung nach diese Betrüger erwischen, und wie vor Gericht Beweise erbringen, wenn keine tauglichen Mittel erlaubt sind? Oder, Herr Kollege, wie haben Sie Ihre Sozialdiebe erwischt und bestrafen lassen?

PS. Ihr Vergleich des Protestes von Pfarrer Martin Niemöller gegen die Nazimethoden mit der Einführung des Sozialversicherungsgesetzes klingt zynisch.

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