Courrier / Communications

Baumol-Effekt – Wichtiger Kostentreiber in einem multifaktoriellen Geschehen

DOI: https://doi.org/10.4414/bms.2018.06974
Date de publication: 08.08.2018
Bull Med Suisses. 2018;99(32):1017

Dr. med. Jürg Schlup

Baumol-Effekt – Wichtiger Kosten­treiber in einem multifaktoriellen Geschehen

Replik auf den Brief von Markus Bieri

Es freut mich sehr, dass mein Editorial [1] und der Artikel [2] zur Baumol’schen Kostenkrankheit Ihr Interesse geweckt haben. Gerne äussere ich mich nachstehend zu Ihren Einwänden:

Zu Ihrem Punkt I muss ich richtigstellen, dass weder der Artikel der Professoren Hartwig und Krämer noch mein Editorial behaupten, dass allein der Baumol-Effekt für die Kostenzunahme im Gesundheitswesen verantwortlich sei. Korrekt ist, dass schon allein wegen des Baumol-Effekts die Kosten steigen müssen. Dass zum Kostenwachstum auch weitere Faktoren – wie insbesondere die demographische Entwicklung und der medizinische Fortschritt – entscheidend beitragen, ist unbestritten. Die Bedeutung des Baumol-Effektes ist jedoch hoch: Projektionen zeigen, dass die durch ihn bedingte Ausgabenzunahme bis ins Jahr 2050 knapp einen Prozentpunkt des BIP beträgt [3].Zum Vergleich: Der Kostenunterschied zwischen einer gesünder bzw. einer weniger gesund alternden Bevölkerung beträgt ebenfalls knapp ein Prozent. Ich stimme Ihnen also zu, dass es weitere wichtige Kos­tentreiber gibt, genauso wie es auch Tätigkeiten gibt, bei denen der Baumol-Effekt nicht zum Tragen kommt. Dies schmälert jedoch die insgesamt erhebliche Bedeutung dieses Effekts nicht.

Genauso wie die Kostenentwicklung im ­Gesundheitswesen wird natürlich auch die in Ihrem Punkt II angesprochene Preisent­wicklung verschiedener Konsumgüter von mehreren Faktoren beeinflusst. Dass Herstellungskosten durch die Produktion in Billiglohnländern gesenkt werden, steht dabei in keinerlei Widerspruch zur Tatsache, dass die Preise vieler Güter in erster Linie durch Automatisierung sinken, da ihre Herstellung weniger Arbeitskraft erfordert.

Baumols Modell ist auch keine «veraltete Theorie», sondern wird immer noch mit aktuellen Daten getestet und in seinen zentralen Aussagen überwiegend bestätigt. In seinem Buch von 2012 [4] weist Baumol auch auf die von Ihnen angedeuteten negativen Auswirkungen des Produktionsfortschritts wie Umweltzerstörung hin und führt darum aus, dass die echte Gefahr in den sinkenden Kosten des progressiven Sektors liegt. Für den Umgang mit den steigenden Kosten von Dienstleistungen könnten hingegen gute Lösungen gefunden werden, sofern man der von Hartwig und Krämer beschriebenen sozialen Dimension gerecht wird [2]. Publikationen zum Baumol-Effekt sind also mitnichten als Rechtfertigung von Passivität zu verstehen! Vielmehr zeigen sie eine wichtige Herausforderung auf, der politische Lösungsvorschläge gerecht werden müssen, und leisten damit einen Beitrag in dieser schwierigen Diskussion. Das führt mich zu Ihrem nächsten Punkt:

1. Einen anerkannten ökonomischen Effekt zur Kenntnis zu nehmen, heisst nicht, praktische Probleme mit der Prämienhöhe zu ignorieren – im Gegenteil. So wie wir als Mediziner Schmerzen eben nicht relativieren, sondern gezielt und soweit möglich auf Basis vorhandener Evidenz behandeln, gilt es auch bei ökonomischen Problemen die vorliegenden Erkenntnisse zu nutzen, um gezielt wirksame Mass­nah­men ergreifen zu können. Viele der aktuellen politischen Vorschläge dürften den 16% der Bevölkerung, für die Krankenkassenprämien ein dauerhaftes (5%) oder gelegent­liches (11%) Problem darstellen [5], leider nicht helfen.

2 + 3. Gerade wenn wir ethische Fragen in den Blick nehmen und an einem guten Zugang zu einer optimalen (nicht maximalen!) medizinischen Versorgung in der Schweiz festhalten möchten, müssen wir uns des Baumol-Effekts und seiner sozialen Dimension bewusstwerden. Die aktuell von der Politik vorangetriebene Idee eines Kostendeckels verkennt nämlich, dass der Anteil der Gesundheitskosten am BIP zwangsläufig steigen muss, und ignoriert die beschriebenen Verteilungsprobleme. Wer aber das Problem der Lastenverteilung nicht angeht und auf willkürliche Kosten­deckel setzt, trifft zwangsläufig die weniger Wohlhabenden und etabliert eine Zwei-Klassen-Medizin. Als Ärzteverband der Schweiz ­sehen wir uns in der Verantwortung, davor zu warnen.

Der Baumol-Effekt ist ein wichtiger Kostentreiber innerhalb eines komplexen multi­faktoriellen Geschehens, dessen Berücksich­tigung die Therapie des Kostenwachstums verbessern kann. Er kann uns vor unrealistischen Therapiezielen warnen, deren Ver­folgen viele Nebenwirkungen, aber nicht den gewünschten Erfolg bringen würde. Das Verständnis wichtiger Zusammenhänge ist eine zentrale Voraussetzung für unseren täglichen proaktiven Einsatz für eine nachhaltige medizinische Versorgung.

1 Schlup J. Die Versorgung wird teurer – und bleibt bezahlbar. Schweiz Ärzteztg. 2018;99(26–27):856.

2 Hartwig J, Krämer H. Baumolsche Kostenkrankheit im schweizerischen Gesundheitswesen. Schweiz Ärzteztg. 2018;99(25):874–7.

3 Colombier C. Demografische Alterung und Gesundheitswesen – Mehrbelastungen primär in der Langzeitpflege. Die Volkswirtschaft. 10-2008.

4 Baumol WJ. The Cost Disease. Why Computers Get Cheaper and Health Care Doesn’t. Yale University Press. New Haven & London.

5 Bieri U. Experimente unerwünscht, aber wachsende Ansprüche an die Versorgung. Gesundheitsmoni-tor 2018. Präsentation vom 19. Juni 2018. Gfs.bern.