Courrier / Communications

Medizinstudium der Zukunft

Telemachos Hatziisaak

DOI : https://doi.org/10.4414/bms.2018.06935
Date de publication : 11.07.2018
Bull Med Suisses. 2018;99(2829):932

Medizinstudium der Zukunft

Brief zu: Scholer M. «Wir haben das Privileg, auf der grünen Wiese zu bauen.» Schweiz Ärzteztg. 2018;99(26–27):898–900.

Das Interview mit Herrn Jörg Goldhahn, Leiter ETH-Bachelorstudium Humanmedizin, ­offenbart, wie sich Technokraten das Medizinstudium der Zukunft vorstellen: technokratisch.

Vor etwa zwanzig Jahren hatte ich als junger Arzt ein Buch von Bernard Lown gelesen mit dem Titel «Die verlorene Kunst des Heilens». Lown, emeritierter Kardiologie-Professor an der Harvard-Universität und Mitbegründer der mit dem Friedensnobelpreis ausgezeichneten Ärzteorganisation IPPNW, beschrieb darin das Dilemma der zunehmenden Technisierung und Entfremdung in der Medizin und plädierte für die ärztliche Kunst, dem Patien­ten zuzuhören, für eine Medizin mit menschlichem Antlitz. Nach dem Lesen des in der SÄZ publizierten Interviews ist mir klar, dass Studierende, die diesen Bachelor-Lehrgang an der ETH absolvieren, nichts dergleichen lernen werden.

Herr Goldhahn berichtet zunächst darüber, dass kaum mehr klassischer Frontalunterricht abgehalten wird. Da frage ich mich, ­warum genau ein solches Bild klassischen Frontalunterrichts im Artikel gezeigt wird. Studierende würden bei dieser Unterrichtsform in einen passiven Survival Mode umschalten. Aber Studierende sind auch nur Menschen und nicht algorithmengefütterte zukünftige Medizinroboter. Abgesehen davon steht und fällt der Frontalunterricht mit der Persönlichkeit des Lehrers, der diese Lektion gibt. Ich persönlich liebte den Frontalunterricht. Nicht nur weil ich hin und wieder in den passiven Survival Mode umschalten konnte, sondern weil ich viele hervorragende Pro­fessoren erleben durfte, die uns lehrten, limbisch zu lernen. Einige Namen gefällig? Prof. Oswald Oelz, Prof. Walter Siegenthaler, beide Innere Medizin, Prof. Ugo Fisch, ORL. Das war Infotainment pur.

Es ist ja löblich, dass die Studierenden in Zukunft angesichts der Informationsflut lernen müssen, Fake-News, So-What-News und No-News von wirklichen News in der Medizin zu unterscheiden. Zu unserer Zeit war die Beschaffung wahrer Informationen noch nicht so kompliziert. So viele News gab es damals gar nicht. Und möglicherweise waren diese News etwas «wahrer» als heute. Aber gerade mit der Schwerpunktbildung im Bereich der Informationsbeschaffung läuft man Gefahr, Monitor-fixierte, den Blickkontakt vermeidende Autisten heranzuzüchten. Man mag dann argumentieren, dass man schliesslich im Team und interdisziplinär ein sich stellendes Problem lösen soll. Aber dadurch geht die Entscheidungsfähigkeit des Einzelnen ver­loren, so dass bereits heute Assistenz- und ­Kaderärzte in Spitälern nicht mehr in der Lage sind, selbständig Entscheide zu fällen. Wie soll man sich denn sonst all die Boards erklären, die – abgesehen von den berechtigten Tumorboards – in den letzten Jahren entstanden sind? Interdisziplinarität ist gut, aber am Ende muss einer allein den Entscheid fällen, ohne sich hinter Kollegen und weiteren Fachleuten zu verstecken oder darauf zu warten, dass die mit verschiedenen Parametern gefütterte Software ihre digital kalkulierte Schlussfolgerung ausspuckt. Diagnose-Assistenzsysteme können zudem verunsichernd wirken oder gar gefährlich sein. Das fängt schon beim EKG an. Deshalb nämlich geben erfahrene Ärzte keinen Heller auf solche Systeme.

Ich pflichte Herrn Goldhahn bei, dass Medi­ziner an Forschung interessiert sein sollen. ­Insbesondere an klinischer Versorgungsforschung, möchte ich hinzufügen. Es muss einem Mediziner ein natürliches Interesse anhaften, eine Frage, die sich aus dem Kontext ergibt, zu formulieren und nach Ant­worten dafür zu suchen. Aber gerade das algorith­mische Denken beim Umgang mit Applikationen, das Herr Goldhahn hervorstreicht, führt zu fantasielosem, mechanistischem Abarbeiten von Routineprotokollen, einem seelenlosen Computer gleich. Da hilft es auch nichts, von Kursen zu sprechen, bei denen Studierende von einer Ethikerin und einer Journalistin beim Umgang mit fiktiven Patienten beobachtet werden. Ein weiterer Versuch, Soft Skills, die man entweder hat oder nicht hat, zu kartographieren. Das Wort Empathie verkommt in solch konstruierten Szenarien zu einer leeren Worthülse.

1954 verbrachte der eingangs erwähnte Bernard Lown, nachdem er sich als junger Militärarzt diskriminierenden Gesetzen widersetzt hatte, degradiert und in ein Militärspital versetzt, ein Jahr damit, vormittags Klinikflure zu putzen und nachmittags Sprechstunden abzuhalten. Über diese Zeit sagte er später: «Sie ruinierte mein Leben ein Jahr lang und verzögerte meine Karriere um ein Jahrzehnt, aber sie machte mich zu einem besseren Arzt.» Warum wohl?

Dr. med. Telemachos Hatziisaak, Trübbach

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