Courrier / Communications

Praxisuntauglich ohne Dualismus psychisch – physisch

W. Waespe

DOI : https://doi.org/10.4414/bms.2018.06801
Date de publication : 13.06.2018
Bull Med Suisses. 2018;99(24):797

Praxisuntauglich ohne Dualismus psychisch – physisch

Leserbrief zu Piet van Spijk: Die Medizin: Auf der Suche nach einem neuen Menschenbild. Schweiz Ärztezeitung. 2018;99:633–4.

Der Autor meint, dass unsere «zukunftsträchtige Medizin» ein neues Menschenbild erfordere, ohne sich auch über die Zukunft der «westlichen Medizin» zu äussern.

Gegenwartsbezogen genügt es natürlich nicht zu sagen, dass das neue Menschenbild «Laien-gerecht» sein und den «heute überhand­nehmenden Fehlentwicklungen entgegenwirken» soll.

Probleme der Zukunft könnten sein: indivi­dualisierte Medizin (Gen-gesteuerte medikamentöse Therapien); Genom-Manipulationen mit programmierbarem Nachwuchs; Mensch-Maschinen-Hybride inklusive Enhancement; Transhumanismus und Unsterblichkeit, inklusive Sterbehilfe aller Art und ‘gesund ­sterben’.

Was ist jedoch der weltanschauliche Hintergrund des geforderten «Nachdenkens über den Menschen»? Ist es ein religiöser, philo­sophischer, wissenschaftlicher Hintergrund oder eine Mixtur? Eine philosophisch motivierte Suche erinnert mich an Heideggers kryptisch-unverständliches Diktum: Es geht um «dieses Seiende in seinem Sein um dieses Sein selbst».

Zu Recht erwähnt der Autor, dass der Mensch keine Seele habe (als Hypostase), denn sie könnte lediglich «eine Verführung von Seiten der Grammatik» (Nietzsche) sein. Als ehe­maliger Neurologe wäre ich jedoch praxis­untauglich gewesen ohne den Dualismus: physisch–psychisch. Was (heute noch) nicht physisch-strukturell fassbar ist, erhält das ­Label ‘psychisch’ oder – neutraler – ‘funktionell’. Das Paradox ist jedoch, dass wir das ‘Psychische’ in der Metaphorik des Physischen beschreiben, als «Metapherngewitter» (Ceylan). Das Problem wird erschwert, wenn ein Patient – als Laie – dann meint, dass ‘psychisch’ gleichbedeutend sei mit ‘Einbildung’.

Der Autor erwähnt, dass beim ‘bio-psycho-­sozialen Menschenbild’ die drei Bereiche auch nur «zusammenhanglos» wie im Descartes’schen ontologisch zu interpretierenden Dualismus bleiben. Im Übrigen: Der Begriff ‘psycho-somatisch’ ist uns geläufig, ­jedoch nicht der Begriff ‘somato-psychisch’. Beim philosophisch angehauchten Menschen­bild wird jedoch meistens nur vom erwach­senen Menschen ausgegangen ohne Berücksichtigung seiner Ontogenese. Der Mensch entwickelt sich nur im engsten Kontakt zur physischen, sozialen, sprachlichen Umwelt. Und dieser Kontakt widerspiegelt sich natürlich u.a. auch in seiner Hirnentwicklung. Schlagwörter hierzu sind: ‘Embodiment’ (‘Philosophy in the flesh’ nach Lakoff/Johnson) und ‘Priming’ (Neurowissenschaften). Nur sind diese Prozesse schwierig zu unter­suchen und wahrscheinlich auch nicht detailliert beschreibbar, da sie zu komplex sind. Ein Beispiel möge jedoch genügen: Katzen, welche im ersten Jahr nach der Geburt visuell keine vertikalen Konturen ausgesetzt sind, werden nie solche wahrnehmen, da die entsprechenden Neuronen in der Sehrinde nicht haben ausgebildet resp. nur entsprechend den Expositionen ‘programmiert’ werden können. Es kann behauptet werden, dass soziale, seelische, sprachliche Erfahrungen sich physisch/somatisch im Sinne eines ‘Embodiment’ in unseren Hirnstrukturen abbilden. Ein neues Bild des Menschen könnte sich abstützen auf ein System von Prozessen (ist die Kombination beider Begriffe nach Autor sinnvoll?) der Informationsverarbeitung mit Problemen der Kodierung/Dekodierung und der elektrischen und chemischen Informationsträger. Wobei die Informationsverarbeitung nicht lediglich binär-digital zu verstehen ist; innerhalb des NS erfolgt sie auch analog. Das oben erwähnte Hybrid-Problem würde sich dann wahrscheinlich nicht stellen. Ob damit zukünftige Probleme der Medizin besser bewältigt werden können, bleibe dahingestellt. Gewisse Bereiche des Lebens sind informativ schwer (Subjektivität, Schmerzen, biologisches vs. ­digitales Bewusstsein) oder gar nicht (Qualia) sprachlich zu erfassen, und ohne Sprache läuft bekanntlich sehr wenig in der Medizin. Ein sprachlich nicht erfassbares Menschenbild dürfte nicht weiterführend sein.

Die zukünftigen ethischen Probleme der Medizin sind natürlich zu diskutieren, wobei die jeweiligen Menschenbilder der Diskutanten eine Rolle spielen resp. immer zu hinter­fragen sind. Aber kann der Diskurs vielversprechender nur auf dem Hintergrund eines neuen, einheitlichen und dann sicherlich normativen Menschenbildes geführt werden?

Prof. Dr. med. W. Waespe, Zürich

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