Horizons

Fahrenheit 451

DOI: https://doi.org/10.4414/bms.2018.06747
Date de publication: 23.05.2018
Bull Med Suisses. 2018;99(21):686

Erhard Taverna

Dr. med., Mitglied der Redaktion

Die Temperatur, bei der Papier zu brennen beginnt. Ray Bradbury (1920–2012) schrieb in den 1950er Jahren seine Geschichte The Fireman, die der Film von Truffaut mit dem Titel Fahrenheit 451 einem grösseren ­Pu­blikum bekannt machte. Bücher zu lesen oder zu ­besitzen ist verboten. Was noch übrig ist, wird verbrannt. Lesen ist elitär und untergräbt die Chancengleichheit. Für Ersatz sorgt eine ausgefeilte Unterhaltungsindustrie.

Seit 1995 erinnert am 23. April die UNESCO mit einem Welttag des Buches an die Bedeutung des Lesens von Büchern. Der Buchhandel ruft sich mit Sonderaktionen in Erinnerung. Ein Rückzugsgefecht, denn zumindest in Deutschland ist der Buchverkauf in den letzten zehn Jahren um über einen Viertel gesunken. Am Preis kann es nicht liegen, denn Bücher sind billiger geworden. Die Entwicklung verteilt sich sehr ungleich über die verschie­denen Altersgruppen. Am meisten kaufen die 50- bis 70-Jäh­rigen, die Käufe der 20- bis 39-Jährigen sind hingegen um ein volles Drittel zurückgegangen, viele ­Jugendliche steigen gar nicht erst ein. Als Ursachen werden die Verdichtung der Arbeit, Konkurrenzdruck und Digitalisierung diskutiert. Ein Artikel im Tages-Anzeiger erwähnt den idealtypischen Arzt, der am Feierabend im Streichquartett die Bratsche spielte und sich in Thomas Mann versenkte. Über diese Karikatur kann man nur müde lächeln, denn Zeit war für Mediziner schon immer Mangelware.

Die Idee zur Bücherverbrennung in Nazideutschland stammte übrigens von der organisierten Deutschen Studentenschaft. Es gab an keiner Hochschule Protest, weder von Studenten noch von Professoren. Ein arbeitsloser Bibliothekar erstellte die ersten schwarzen Listen. Ein grotesker Gegensatz dazu war die Gottbegnadeten-Liste. Vom Kriegsdienst freigestellte Künstler, darunter auch Schriftsteller, wurden als unverzichtbar für das NS-Regime eingestuft. Nirgends haben Bücher mehr Bedeutung als in Diktaturen. Ausgerechnet in der DDR wurde jährlich mit einem Tag des freien Buches an die Säuberungsaktionen erinnert. Mit Papierentzug und Zensur verfügten die neuen Machthaber über subtilere Methoden. Der wiederauferstandene Börsenverein des deutschen Buchhandels konterte in der Bundes­republik ab 1983 mit seinem Tag des Buches. Zeitzeugen berichten, dass zu Sowjetzeiten viel mehr gelesen wurde als heute. Klassiker und natürlich die Untergrundschriften der Dissidenten. Die Samisdat-­Literatur umging das staatlich kontrollierte Verlags­wesen. Wer konnte, publizierte illegal im Westen.

Interessant an Ray Bradburys Kurzgeschichte ist, dass eine Volksmehrheit schrittweise die Abschaffung der Bücher einforderte. Das erinnert an die endlosen Bildungsdiskussionen unserer Tage, wo unter anderem der Spiegel in einer Titelgeschichte, «Wie Bildung endlich gelingt», betonte, dass Digitalisierung, Chancengleichheit, Inklusion, Ganztagesschule und gutes Essen wichtig seien. Angehende Lehrer müssten von dem Fach, das sie unterrichten, nicht unbedingt viel verstehen, Hauptsache, sie seien sozial kompetent. Nicht­leser seien nicht demokratiefähig, tönt es von einer anderen Seite. Bücher vermitteln Fantasie, Konzentration, Kritikfähigkeit, Wissen und Empathie. Man könnte das ergänzen und sagen, dass Bücher auch Lebens­abschnitte und Interessen verkörpern. Unterstrichene Textstellen, geknickte Ecken, ein Exlibris, das Datum eines Kauf­ortes, private Widmungen, Randnotizen, eingeschobene Zeitungsabschnitte, ein geschenktes Lesezeichen oder geflickte Einbände tragen bei zu ­einer papiergewordenen Biographie. Am Lebensende stehen sie dann aufgereiht auf Regalen, vielstimmige Erinnerungen, gewachsen wie die Jahresringe eines Leser­baums. Dann finden sie ihre Erben oder sie landen in der Mulde. Habent fata sua libelli, Bücher haben ihre Schicksale, befand schon der römische Lateiner.

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