Courrier / Communications

Tausendundeine Fragen zum elektronischen Patientendossier

DOI: https://doi.org/10.4414/bms.2018.06705
Date de publication: 06.06.2018
Bull Med Suisses. 2018;99(23):751

Dr. med. Peter Buess-Siegrist, Basel

Tausendundeine Frage zum elektronischen Patientendossier

Was kommt mit dem EPD auf uns zu? Das elektronische Patientendossier ist seit Jahren in Vorbereitung und soll in diesem Jahr eingeführt werden, vorerst im stationären Bereich. Das Bewerbungsverfahren, wer das EPD technisch umsetzen soll, läuft aber erst an.

Informationen zum EPD finden sich auf www.e-health-suisse.ch. Wer sich für die Anbieter interessiert, sucht lange. Unter «Technik-Semantik», sodann unter «Projectathon» und schliesslich «Projectathon 2017» findet sich eine Liste der Bewerber. Einige der Firmen, die sich für die technische Umsetzung des EPD bewerben, sind in der Industrie tätig. Einige sind Anbieter von Spitalsoftware. Und unter den Bewerbern finden sich die Post AG und die Swisscom AG. Auch die HIN AG (Health Info Net AG) ist aufgeführt.

Wie steht es mit der Informatik in den Schweizer Spitälern? Vor 10 Jahren stellte Prof. Krapf (Innere Medizin, Kantonsspital Bruderholz) in einem Referat fest: «Die Informatik ist der grösste zeitliche und finanzielle Belastungsfaktor in der Spitalmedizin.» Wer die Chance hat, mit Assistenzärzten und Oberärzten über die Informatik in den Schweizer Spitälern zu diskutieren, hört immer wieder «Phoenix». Dieser Anbieter (CompuGroup Medical) ist auch unter den Bewerbern zu finden. Von 
den ÄrztInnen in Schweizer Spitälern wird Phoenix gerühmt. Über andere Klinik­software wird gejammert und geklagt. Auch Pflege­personal weiss, dass mit Phoenix recht effizient gearbeitet werden kann, hingegen mit anderen Programmen die Belastung der Arbeit massiv zunimmt.

Die Bewerber um die Umsetzung des EPD sind aus der Wirtschaft (medizinfremde Erfahrungen), aus der Klinik-Informatik und die Swisscom sowie die Post. Etwas beruhigend ist, dass sich mit Health Info Net ein erfahrener Player bewirbt.

Wann wurden wir in der Schweizerischen Ärztezeitung über diese Bewerber informiert? Warum erhalten wir keine Hintergrundinformationen, welche Firmen mit welchem Hintergrund unter den Bewerbern aufgeführt werden? Wir sind auch nicht informiert, ob die Datenschutz-Stellen der Schweiz in diesen Bewerbungsprozess einbezogen wurden.

Die Swisscom AG hat Probleme: Zu Beginn dieses Jahres waren 100-e (1’000-e?) von Betrieben über Tage/Wochen ohne funktionierende Telefonverbindung.

Die Post AG hat Probleme, hier eher in der Buchhaltung, wir harren weiterer Enthüllungen.

Am 10. und 11. April wurde Herr Zuckerberg vor dem amerikanischen Senat und Kongress zum verwerflichen Umgang mit Kunden­daten über viele Stunden befragt. Die Verletzung der Persönlichkeitsrechte von Millionen von Menschen ist aber bereits Vergangenheit, da ändert die Befragung Zuckerbergs nichts mehr. Wer seine Daten auf facebook veröffentlicht, tut dies freiwillig. Wer wegen Krankheit in Abklärung und Behandlung geht, will sicher sein, dass seine Daten unter Einhaltung der Schweigepflicht verwaltet werden. Gruselig ist es da, sich vorzustellen, ein Telekom-Anbieter verwalte Patientendaten.

Wir sollen als Ärztinnen und Ärzte eines Tages mit dem EPD arbeiten. Wir werden nicht einbezogen in die Umsetzung des EPD. Wir werden nicht informiert. Lassen wir dies einfach so geschehen? Wird sich jede und ­jeder auf sich selber gestellt so lange wie möglich weigern, Patientendaten bei der Swisscom verwalten zu lassen, oder bei der Post? Oder wehren wir uns geschlossen und stellen fest, dass wir nur Bewerber akzeptieren, welche keine schwergewichtigen aussermedizinischen Interessen vertreten?

Die Liste der Bewerber lässt sich vereinfachen: Phoenix hat sich als Klinik-Informationssystem bewährt. HIN ist eine Plattform, die im Zentrum des schweizerischen Gesundheitswesens tätig ist und über die nötige Erfahrung zum Umgang mit Patientendaten verfügt. Die Verwaltung von Patientendaten durch die Swisscom oder die Post ist nicht akzeptabel. Es wäre auch nicht akzeptabel, wenn eine Firma mit einem Fantasienamen und Firmensitz in Zug die Verwaltung von Patientendaten übernehmen würde – am Tag x würde dann bekannt, dass diese Firma der Post oder der Swisscom gehört.

Was meint die FMH zu dieser Entwicklung? Wie begründet die FMH, dass wir Mitglieder an der Basis keine Ahnung haben, was nun da mit dem EPD auf uns zukommt? Die Schweizerische Ärztezeitung wäre DIE PLATTFORM, um über die Entwicklung mit dem EPD ausgewogen und UMFASSEND zu informieren.

Wir warten auf diese Informationen und auf eine differenzierte Diskussion, BEVOR der definitive Anbieter gewählt ist (gewählt von wem?).

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