Tribune

Essay-Preis im Rahmen des medizinischen Grundstudiums

Die Perspektive der Patienten ­erhalten

Adrian Ritter

DOI: https://doi.org/10.4414/bms.2018.06684
Date de publication: 11.07.2018
Bull Med Suisses. 2018;99(2829):942-943

Studierende der Medizin an der Universität Zürich können sich neu an einem ­Essay-Wettbewerb zu medizinethischen Fragen beteiligen. Im März wurde der ­«Premio Pusterla Junior» zum ersten Mal vergeben.

Allgemeine Chemie, Molekulare Zellbiologie und Anatomische Grundlagen der Medizin: Der Lehrplan des ersten Studienjahres in Medizin an der Universität Zürich ist reich befrachtet. Neben der naturwissenschaftlichen Basis des Fachs sollen die humanwissenschaftlichen ­Aspekte nicht zu kurz kommen – etwa im Kurs «Grundlagen der Ethik in der Medizin». Zum Kurs gehört, dass die Studierenden einen Essay schreiben, in welchem sie einen medizinischen Fall ethisch analysieren.

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Die drei Finalistinnen des «Premio Pusterla Junior», umrahmt von den Initiantinnen des Preises (v.l.n.r.): Ethikprofessorin Nikola Biller-Andorno, Preis­trägerin Selina Steiger, Gioia Epprecht, Andrina Singelmann und Hildegard Keller, Professorin für deutsche Literatur.

Première remise du prix Premio Pusterla Junior

A l’Université de Zurich, le cours «Fondements de l’éthique en médecine» sensibilise les étudiants en médecine humaine et dentaire aux dimensions éthiques de l’activité médicale dès leur première année d’études.

Dans le cadre de ce cours, les étudiants rédigent un essai dans lequel ils racontent une de leurs propres expériences ou un événement et l’analysent du point de vue éthique. Cette année, les étudiants ont pour la première fois pu soumettre ces textes lors d’un concours récompensé par le nouveau prix Premio Pusterla Junior. Trois auteures se sont qualifiées pour la finale publique avec un jury en direct, qui s’est déroulée à Zurich le 7 mars 2018. Le BMS consacre deux articles au prix dans ce numéro et présente aux lecteurs le texte de la première lauréate du Premio Pusterla Junior, ­Selina Steiger.

(UZH/BMS)

Kursleiterin Nikola Biller-Andorno ist Professorin für Biomedizinische Ethik an der Universität Zürich. Sie entschied sich vor zehn Jahren, die erfolgreiche Teilnahme am Kurs nicht per Multiple Choice zu prüfen, sondern ethische Fragen in der Form von Essays behandeln zu lassen. Das mache gerade im ersten Semester grossen Sinn: «Zu Beginn des Studiums ist einem das Erleben der Patientinnen und Patienten noch besonders nah. Die Fähigkeit, eine andere Perspektive einzunehmen, sollten die Studierenden auch in ihr Arzt-Sein hineintragen», so Biller-Andorno.

In den vergangenen Jahren entstanden im Kurs zahlreiche sehr gute Texte. Deshalb möchte Biller-Andorno diese fortan einem breiteren Publikum zugänglich machen. «Ausserdem finde ich es sinnvoll, wenn es neben Preisen im Bereich der klinischen Medizin und der Grundlagenforschung auch einen Preis für Medizin­ethik gibt», so Biller-Andorno.

Gestiftet haben den «Premio Pusterla Junior» der Tessiner Arzt und Brustkrebs-Spezialist Edio Pusterla und die UZH-Alumni. Beteiligt am Konzept des Essay-Wettbewerbs war auch Hildegard Keller, UZH-Professorin für deutsche Literatur und Mitglied des SRF-Literaturclub-Kritikerteams. Sie unterstützte die Studierenden auch mit einem Schreibcoaching.

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Moderatorin Hildegard Keller im Gespräch mit Preis-Stifter Edio Pusterla, Arzt und Brustkrebsspezialist.

Das Publikum entscheidet

55 Studierende reichten einen ersten Text ein – mit einer Themenbandbreite von der Sterbehilfe bis zur ärztlichen Teilnahme an Ausschaffungsflügen von Flüchtlingen. Anfang März durften die drei Finalistinnen Gioia Epprecht, Andrina Singelmann und Selina Steiger in einem öffentlichen Finale ihre Texte vortragen. Gioia Epprecht setzt sich in ihrem Essay mit den tra­gischen Erlebnissen einer Migrantin im Spital auseinander. Der Text von Andrina Singelmann handelt von ­einer magersüchtigen Jugendlichen, die zwangseingewiesen wird. Selina Steiger beschreibt in ihrem Essay, wie ein Hilfesuchender eine Notfallzentrale vor ein ethisches Dilemma stellt (Seite 946 in dieser SÄZ).

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Preisträgerin Selina Steiger: Ihr Essay handelt von einem Hilfesuchenden, der eine ­Notfallzentrale vor ein ethisches Dilemma stellt.

Die Jury bestand aus der ehemaligen Chefärztin der Triemli-Frauenklinik Brida von Castelberg, dem österreichischen Literaturwissenschaftler und Schriftsteller Raoul Schrott sowie Michael Fehr, Autor und Träger des Schweizer Literaturpreises 2018.

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Die Jury (von links): Michael Fehr, Autor und Träger des Schweizer Literaturpreises 2018, Brida von Castelberg, ehemalige Chefärztin der Triemli-Frauenklinik, und Raoul Schrott, österreichischer Literaturwissenschaftler und Schriftsteller.

Die Juroren nahmen eine kritische Begutachtung sowohl der ethischen Argumentation wie der literarischen Qualitäten vor – im Falle von Raoul Schrott eine bisweilen etwas gar harte Kritik. Am Schluss war sich die Jury alles andere als einig: Jede der drei Finalistinnen erhielt eine Stimme. So war es am Publikum, den Entscheid zu treffen: Selina Steiger gewann mit ihrem Text «Ein Messer, ein Feuer und viele offene Fragen – ethische Konflikte und ihre Folgen» den ersten «Premio Pusterla Junior». Der Preis soll auch in den kommenden Jahren vergeben werden. Für bereits berufs­tätige Ärztinnen und Ärzte soll zudem ein «Premio Pusterla Senior» geschaffen werden.

Adrian Ritter

Freier Journalist

Alle Fotos: Giovanni Spitale

Image d'en-tête: © Nikolais | dreamstime.com

Korrespondenz:
adrianritter[at]gmx.ch