Courrier / Communications

Medizinische Anwendung von Cannabis: Evidenz statt Vorurteile!

Maja Strasser

DOI : https://doi.org/10.4414/bms.2018.06549
Date de publication : 07.03.2018
Bull Med Suisses. 2018;99(10):305

Medizinische Anwendung von Cannabis: Evidenz statt Vorurteile!

Die administrativen Hürden für die medi­zi­nische Anwendung von Cannabis sind ge­messen am Nutzen-Risiko-Profil anderer ­Substanzen (Opiate, Benzodiazepine) unverhältnismässig hoch. Ausserdem ist der Pa­tient betreffend Kostenübernahme der Willkür der Krankenkassen ausgeliefert, mit teilweise gravierenden Folgen. 

Eine hochbetagte Patientin litt an ausser­ordentlich starken chronischen Schmerzen, welche auf verschiedene Analgetika un­­genügend angesprochen hatten. Sie erlebte 
eine eindrückliche Verbesserung der Schmerzen und der Lebensqualität durch Cannabis-Tropfen («zum ersten Mal seit Jahren fühle ich mich wieder wie ein Mensch»). Leider wurde die Kostengutsprache nicht verlängert. Dies trotz Therapiekosten, die deutlich geringer waren als die Kosten von z.B. Targin oder Palexia, so dass die Therapie eindeutig wirksam, zweckmässig und wirtschaftlich war. Zermürbt durch die quälenden Schmerzen und den Kampf um die Kostenübernahme, hat sich die Patientin mit einer Überdosis von Medikamenten das Leben genommen. 

Eine vom Bundesamt für Gesundheit finanzierte Metastudie hat eine gute Wirkung insbesondere bei chronischen oder bei durch Krebs verursachten Schmerzen sowie bei ­MS-bedingter Spastik belegt. Auch bei Übelkeit als Nebenwirkung einer Chemotherapie, bei Gewichtsverlust von Aidskranken, bei Schlafstörungen sowie dem Tourette-Syndrom zeigten sich positive Auswirkungen [1]. Die Nebenwirkungen werden meist gut toleriert.

Es ist höchste Zeit, dass die administrativen Hürden sowie die Politik der Kostenübernahme der Evidenz angepasst werden und dass wir verschreibenden Ärzte die Indi­kation gemäss wissenschaftlichen Kriterien stellen, anstatt diese therapeutische Option aufgrund von Vorurteilen unseren Patienten vorzuenthalten.

Sachs et al. schrieben treffend [2]: «The side effects of conventional medications are weighted against the potential benefits, but this same logic is rarely applied to discussions of medical cannabis. […] Given these findings one option for the future direction of research on cannabis is to approach cannabis as a legitimate therapeutic agent. This would include reclassification, as well as more stringent and uniform supervision of its use and distribution in a safe, ethically, and scientifically justified manner.»

1 Whiting PF, Wolff RF, Deshphande S, et al. Cannabinoids for Medical Use. A Systematic Review and Meta-analysis. JAMA. 2015;313(24):2456–73.

2 Sachs J, McGlade E, Yurgelun-Todd D. ­Safety and Toxicology of Cannabinoids. Neurotherapeutics. 2015;12(4):735–46.

Dr. med. Maja Strasser, 
Fachärztin Neurologie, Solothurn 

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