Tribune

Reflexionen über nichtmaterielle Gründe des Hausärztemangels

Der Zeitgeist als Ursache

DOI: https://doi.org/10.4414/bms.2017.06222
Date de publication: 06.12.2017
Bull Med Suisses. 2017;98(49):1661–1663

Markus Bieri

Dr. med., Facharzt für Allgemeine Innere Medizin, Mitglied FMH

«Mehr Geld und Gruppenpraxen» – dieses zur Senkung des Aufwandes, jenes zur Steigerung des Ertrags. So ­lautet das Rezept gegen den Hausärztemangel. Wo die Gesetze der Betriebswirtschaft dominieren, ist es systemimmanent richtig, diese Forderungen zu stellen.

Es wäre aber zu kurz gegriffen und logisch falsch, aus den zweckdienlichen Massnahmen die eigentlichen Ursachen des Hausärztemangels abzuleiten. Wenn Digo­xin einem Herzkranken hilft, heisst das ja auch nicht, dass ein Digoxinmangel Ursache der Krankheit ist.

Das Berufsbild des Hausarztes wandelt sich ständig; unverändert aber liegen die Kernkompetenzen in den Bereichen Basismedizin, umfassender Langzeitbetreuung und Triage.

Im Folgenden ist es in übertragener Weise der Blick des Allgemeinpraktikers, der allgemein den Zeitgeist der Gegenwart charakterisiert und praktisch die Konsequenzen für die heutige Rolle des Hausarztes ableitet. Es sei damit der Versuch gewagt, die materiellen Gründe des aktuellen Hausärztemangels durch immaterielle zu ergänzen. Dazu werden hier sieben Facetten des Zeitgeistes herausgegriffen.

1. Machbarkeit und Omnipotenz

Die technisch-naturwissenschaftlichen Fortschritte haben das Leben revolutioniert und auch die Medizin grundsätzlich verändert. Die Gesellschaft profitiert von den scheinbar an Omnipotenz 
grenzenden Möglichkeiten. Die Früchte der Machbarkeit



haben indes vor allem die Spezialisten geerntet. Für all die Bereiche, die sich auch heute noch der Machbarkeit entziehen, wie viele virale Infekte, degenerativ bedingte Beschwerden, Sterbe­prozesse, sind heute mehrheitlich die Grundversorger zuständig. Der Hausarzt ist im Zeitgeist der medizinischen Omnipotenz quasi ein Kontrapunkt geworden.

2. Omnipräsenz des punktuellen Wissens

Die Menge an Wissen wächst ungebremst. Der enzy­klopädische Anspruch der Aufklärung ist obsolet. Die Schule verzichtet auf die Vermittlung einer Allgemeinbildung und konzentriert sich auf die Technik zum punktuellen Wissenserwerb. Aktualität und Detailkenntnisse gelten mehr als breite Übersicht. Diese Entwicklung treibt auch in der Medizin die unaufhaltsame Spezialisierung voran.

Die Hausarztmedizin beansprucht traditionellerweise eine Gesamtschau. Nebst rein intellektuellen, rationalen Aspekten fliessen vermehrt auch emotionale und soziale Elemente ein. Wenngleich der Ruf nach Ganzheitlichkeit lauter denn je ist, setzt der Zeitgeist der ­Informationsgesellschaft die Prioritäten anders und hat dem Hausarzt seine zentrale Rolle genommen.

3. Lebenslange Optionalität

Denken, Entscheiden und Handeln werden in zunehmendem Masse von den Gesetzen des freien Marktes geprägt. Beim Einkauf wird im besten Moment unter günstigsten Bedingungen zugegriffen. Für Dienst­leistungen gilt die Option, den Anbieter jederzeit wechseln zu können. Offene Freizeitangebote wie Fit­nesscenter stehen im Trend, während verpflichtende Vereine Mitglieder suchen. In Unternehmen ist der jahrzehntelang treue Mitarbeiter zur Ausnahme geworden. Berufliche Karrieren zeichnen sich durch viele Stellenwechsel aus. Optionalität hat auch das zwischenmenschliche Verhältnis erfasst. Beziehungen werden leichter gelöst und neue wieder einge­gangen.

Die traditionelle und letztendlich eigentliche Haus­arzt­rolle steht im Kontrast zum Prinzip der sich stets ­offen gehaltenen Möglichkeiten. Sie beruht auf Langfristigkeit, Verlässlichkeit oder – schon fast kitschig –auf Treue. Der Hausarzt ist im Zeitgeist der lebenslangen Optionalität ein «Ladenhüter».

4. Verlorene Sinnfrage

Transzendent ausgerichtete Lebensentwürfe stehen heute im Hintergrund. Typische Vertreter wie Diakonissen und Ordensschwestern sind aus den Spitälern verschwunden. Institutionen wie die Kirchen beantworteten früher autoritär die Sinnfragen. Danach hatte sich die Arbeitshaltung auszurichten.

In den Nachkriegsjahren regten die Vertreter des Existentialismus die Debatte über die Sinnfrage frei von Lehrmeinungen an. Die 68er-Generation definierte ihr Lebensziel als Befreiung des Individuums und der Gesellschaft zum Zweck der Selbstverwirklichung. Diese Aufbruchstimmung motivierte Jungmediziner, die alte, oft unnahbare Hausarztrolle zu überwinden und sich für neue Gebiete wie die psychosoziale Medizin zu öffnen. Ende des 20. Jahrhunderts ist es um die einst heiss diskutierte Frage nach dem Lebenssinn ­ruhig ­geworden. Es scheint, als hätte man sich still darauf ­geeinigt, dass die Sinnfrage unbeantwortet bleiben muss. Das betrifft den Hausarzt in zweierlei Hinsicht:

Er ist in zunehmendem Masse mit Patienten konfrontiert, die sich die Sinnfrage kaum mehr stellen. Oft ist er ihren unerfüllten Wünschen nach vollständiger Heilung oder ihren gescheiterten Lebensentwürfen ausgesetzt. Zudem muss er vor diesem Hintergrund helfen, schwierige ethische Entscheidungen zu treffen.

Schliesslich wird der Hausarzt auch seine eigene Aufgabe und deren Bedeutung für sein Leben neu definieren müssen. Was einst allgemein als In­begriff eines sinnvollen Berufes galt, muss sich heute neu orientieren.

Im Zeitgeist des verlorenen Sinnes hat der Hausarzt sein spirituelles Selbstverständnis eingebüsst.

5. Dominierende Ästhetik

Die Bilder in den Medien repräsentieren das Bestreben nach äusserer Schönheit. Mode bestimmt das Erscheinungsbild der Menschen, Design jenes der Gebrauchsgegenstände. Der ästhetische Begriff wird im Wesentlichen von Jugendlichkeit, Lebenslust und erotischer Attraktivität geprägt. Es gilt, diesen Ausdruck möglichst lange im Leben zu bewahren. Selbst Teile der ­Medizin haben sich beispielsweise dem Anti-Aging zugewandt. Trotzdem begrenzt die Natur dieses Strebens nach äusserer Schönheit.

In der Hausarztmedizin konzentrieren sich die weniger ästhetischen Aspekte des Lebens: Probleme wie ­Inkontinenz, Degeneration des Bewegungsapparates, depressive Selbstvernachlässigung, Demenz gehören zum Praxisalltag. Dem können sich zwar Spezialisten auch nicht entziehen. Doch der Blick des Kardiologen zum Beispiel ist länger auf sein Echokardiographie­gerät gerichtet als auf den fassförmigen Brustkorb des Patienten. Im Zeitgeist der dominierenden Ästhetik ist der Hausarzt zum Verwalter des Unästhetischen geworden.

6. Vermeintliche Sicherheit

Noch nie in der Geschichte der Menschheit war das ­Leben in vielen Bereichen so planbar wie heute. Vieles lässt sich mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit voraussagen. Die Bedeutung von Zufall und Schicksal wurde beschnitten. Das 21. Jahrhundert hat in der westlichen Welt ein hohes Niveau an Sicherheit erreicht und zu einer entsprechenden Erwartungshaltung geführt.

Mit diesem Anspruch verlangt der Patient präzise Angaben zu Diagnose, Therapie und Prognose. Während die spezialisierte Medizin diesen Wunsch mit viel Aufwand und Nebenwirkungen (z.B. Zufallsbefunden) eher erfüllen kann, gehört es zu den Kernaufgaben des Hausarztes, mit Wahrscheinlichkeiten umzugehen und damit Unsicherheiten auszuhalten. Seine Aufgabe ist es gerade nicht, bei jedem Husten gleich ein Bronchus-Karzinom auszuschliessen. Notwendigerweise wird er damit Diagnosen später stellen, vielleicht gar verpassen und damit in den Augen des Patienten ver­sagen. Im Zeitgeist der ständig geforderten Sicherheit ist der Hausarzt ein Unsicherheitsfaktor geworden.

7. Individualismus und bedrohtes ­Kollektiv

Das 20. Jahrhundert erlaubte der breiten Bevölkerung zunehmend, von den Erfolgen von Wirtschaft, Wissenschaft und Technik zu profitieren. Der Sozialstaat stand für eine einigermassen gerechte Verteilung der Errungenschaften ein. So wurde de facto ein Recht definiert, dass niemandem medizinische Möglichkeiten vorenthalten werden dürfen. Gegen Ende des 20. Jahrhunderts zeichnete sich ab, dass unbegrenzte individuelle Freiheit die Gesellschaft, ja das Überleben der Welt bedroht. Umweltvorschriften zum Beispiel sind letztlich Schutzmassnahmen gegen die Folgen des ausufernden Individualismus. Die grösste Schwierigkeit beim Vollzug des notwendigen Paradigmenwechsels ist die praktische Umsetzung der beschlossenen Massnahmen, die oft mit einer Beschneidung der indivi­duellen Freiheit verbunden sind.

Im Gesundheitswesen übersteigen die wachsenden Möglichkeiten, die dem Individuum helfen, zunehmend die finanziellen und die menschlichen Ressourcen der ­Gesellschaft. Das Potential der Rationalisierung ist einmal ausgeschöpft. Die Rationierung scheint unvermeidbar zu werden. Es liegt auf der Hand, dass die praktische Umsetzung jene übernehmen müssen, die am Anfang der Behandlungskette stehen, die Ganzheitlichkeit beanspruchen und denen eine vernünftige Priorisierung zugemutet werden kann – und das sind die Grundversorger. Wenngleich es die Managed-Care-Bewegung weit von sich weisen wird, Handlanger einer Rationierung zu sein, zeigt sie doch im Ansatz des ­Systems auf, wie notwendige Beschränkungen vernünftig implementiert werden können. Im Zeitgeist des ausufernden Individualismus droht dem Hausarzt die Rolle des Rationierungsvollstreckers.

Drei abschliessende Bemerkungen zum Zeitgeist

1. Der Zeitgeist, wie der Begriff hier verwendet wird, lässt sich mit dem Duft im Wald vergleichen. Er wird in der Regel durch wenige Duftnoten dominiert. Unsere Geruchswahrnehmung ist bekanntlich individuell und adaptierfähig, so dass sie sich schon nach kurzem an einen Duft gewöhnt. Ebenso verhält es sich mit dem Zeitgeist. Es gibt auch heute einzelne junge Ärztinnen und Ärzte, die sich trotz des aktuellen Zeitgeistes für die Hausarztmedizin entscheiden. Für sie gilt es, günstige Bedingungen zu schaffen, zum Beispiel durch ein verbessertes ­Tarifsystem oder die Einrichtung von Gruppen­praxen.

2. Wie beim Einatmen der Luft sind wir unvermeidbar in engstem Kontakt mit dem Zeitgeist. Je länger wir in ihm sind, desto weniger nehmen wir ihn bewusst wahr. Eine historische oder transkulturelle Sichtweise erleichtert es, dem Wesen des aktuellen Zeitgeistes nachzugehen. Je bewusster wir uns aber mit ihm auseinandersetzen, desto autonomer lässt sich unser Leben planen und gestalten. Selbstbestimmung beinhaltet immer eine Definition des persönlichen Verhältnisses zum Zeitgeist. So kann es durchaus erfüllend sein und als Teil der Individuation empfunden werden, sich dem Zeitgeist partiell bewusst zu widersetzen. Es scheint hilfreich zu sein, wenn die nächste Generation früh mit der heutigen Hausarztmedizin in Berührung kommt, um sich ein realitätsnahes Bild machen zu können. Wer sich im Bewusstsein, damit nicht dem Zeitgeist zu folgen, für die Hausarztmedizin entscheidet, kann in dieser Aufgabe Selbstverwirklichung finden.

3. Der Zeitgeist lässt sich nicht verändern, aber er verändert sich. Welche Einflüsse diesen Wandel bewirken, kann ebenso wenig bestimmt werden, wie sich Prognosen zum Zeitgeist stellen lassen. Erst im Rückblick werden Zusammenhänge sichtbar und sind dann Gegenstand der Geschichtsforschung. So lässt sich auch heute keine Prognose für den Fortgang des Zeitgeistes stellen. Es ist keineswegs auszuschliessen, dass er sich so entwickelt, dass die Hausarztmedizin wieder einmal im Trend liegen wird.

Bildnachweis

© Alexander Zhiltsov | Dreamstime.com

Adresse de correspondance

Korrespondenz:
Dr. med. Markus Bieri
Lindenstrasse 7
CH- 3550 Langnau im
Emmental

Verpassen Sie keinen Artikel!

close