Briefe / Mitteilungen © Romeo 1232 | dreamstime.com

Courrier / Communications

Dienen TARPSY-konforme Austrittsberichte noch den Patienten?

Michael Kammer-Spohn

DOI: https://doi.emh.ch/10.4414/bms.2017.05998
Date de publication: 13.09.2017
Schweizerische Ärztezeitung | Bulletin des médecins suisses | Bollettino dei medici svizzeri | 2017;98:37

Dienen TARPSY-konforme Austritts­berichte noch den Patienten?

Leserbrief zu: Jürg Unger-Köppel. Globalbudget ist ein Irrweg – 
der Schweizer Pilotversuch zeigt es. Schweiz Ärztezeitung. 2017;98(24):753.

Traditionell und inhaltlich begründet ist die Funktion von Berichten unter Ärztinnen und Ärzten jene, Patientinnen und Patienten beim Adressaten des Berichtes eine möglichst gute Behandlung zu ermöglichen. Wenn ich selbst in einer Klinik Patient bin, erwarte ich, dass Fachpersonen, die mich anschliessend be­handeln, die für meine weitere Behandlung notwendigen Informationen erhalten. Nicht mehr und nicht weniger. Ausserdem möchte ich selbst auch wissen und verstehen, was im Bericht steht. Und als ambulant tätiger Arztkollege erwarte ich von einem Bericht das gleiche.

Wenn nun die Funktion des Austrittsberichtes dahingehend erweitert wird, dass die ­Kosten der stationären Behandlung beim Versicherer gerechtfertigt werden müssen, entspricht dies weder den Ansprüchen und berechtigten Erwartungen der Patienten noch denen der zugedachten Empfänger eines Berichtes. Im Gegenteil führt eine Anreicherung mit Informationen, die für die Behandlung ­irrelevant sind, zu einer geringeren Prägnanz bzw. Priorisierung der Kernbotschaften und ausserdem möglicherweise zu einer Aushöhlung beim Datenschutz. Berichte, die medizinisch unnötige Informationen erhalten, sind schädlich, da sie vom Behandlungsauftrag ­ablenken und widersprechen damit auch dem Grundsatz «nihil nocere». Dies selbstverständlich auch bei den Verfassenden der Berichte, die der Ökonomisierung Tribut zollen müssen: Zeit und Aufmerksamkeit verlagern sich weg von Patienten hin zu ökonomischen Gesichtspunkten.

Da gleichzeitig aufgrund des Politikversagens beim Medizin-Studium kaum Studienabgänger das Fach Psychiatrie wählen, ist eine ­weitere Bürokratisierung und Ökonomisierung, die nun bis ins Berichtswesens gehen soll, ein weiterer Schritt, um Ärztinnen und Ärzte von diesem Fachgebiet abzuhalten. Die Zeche zahlen leider die Pateinten und ihre Angehörigen.

med. prakt. Michael Kammer-Spohn, Chur

Image d'en-tête: © Romeo 1232 | dreamstime.com