Tribune

Lago statt Ludwigsburg

DOI: https://doi.org/10.4414/bms.2022.20900
Date de publication: 20.07.2022
Bull Med Suisses. 2022;103(2930):948-949

Rahel Gutmann

Junior-Redaktorin der Schweizerischen Ärztezeitung

Für eine neue Arbeitsstelle ging der Deutsche Holger Malchow ins Tessin – für drei Jahre, wie er ursprünglich dachte. Das war 2005. Heute lebt der Arzt immer noch dort, spricht Italienisch und kann sich keinen besseren Ort zum Arbeiten vorstellen: und das nicht allein wegen des glitzernden Lago Maggiore.

«Wie Ferien, in denen ich nebenher noch ein bisschen gearbeitet habe» – so beschreibt Holger Malchow seine ersten Arbeitsjahre in der Schweiz und lacht. Im Jahr 2005 zogen der Mediziner und seine Frau mit ihren beiden Kindern aus Deutschland ins Tessin. «Auf Zeit» hatten sie sich damals gesagt, daraus sind inzwischen 17 Jahre geworden.

Kein Wunder, wenn man die Vorgeschichte kennt: Der Deutsche war schon lange vor seinem Umzug ins Tessin regelmässiger Besucher in Locarno und später in der neueröffneten Clinica Omeopatica Dr. Spinedi in Orselina. Denn als Medizinstudent hatte er einen Vortrag des Homöopathen Dario Spinedi in Deutschland gehört. Manche der Studierenden waren so begeistert, dass sie danach regelmässig nach Locarno reisten, um an den zweitägigen Supervisionen von Dr. Spinedi teilzunehmen – darunter auch Holger Malchow.

Ziel von Anfang an vor Augen

Für Holger Malchow war es sogar schon vor Studienbeginn beschlossene Sache, dass er später homöopathisch arbeiten wollte. Der Grund dafür? Ein persönliches Erlebnis: «Mein Vater wurde krank und die konventionelle Medizin konnte ihm nicht helfen. Erst als er zu einem homöopathischen Arzt kam, ging es ihm besser.» Das geschah, als Holger Malchow kurz vor dem Abitur und der Studienwahl stand: «Die Erfahrung hat mich dazu motiviert, Medizin zu studieren. Mit dem Ziel, homöopathischer Arzt zu werden.»

2005 war es soweit: «Als ich meinen Facharzt für Innere Medizin hatte, schickte ich eine Bewerbung nach Orselina.» Zwei Tage später kam die Zusage. Hups. Da brauchte die Familie dann doch etwas Bedenkzeit: «Unsere Kinder waren damals 11 und 8 Jahre alt. Die wollten nicht mitgehen.» Letztlich wagten sie jedoch den Schritt von Ludwigsburg bei Stuttgart in die Schweiz und gleich noch auf die andere Seite des Gotthards nach Orselina.

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Holger Malchow auf dem Balkon seines Büros in Orselina (Foto: Rahel Gutmann).

Gut angekommen

Und hier in Orselina erzählt er seine Geschichte. Durch lange Gänge geht es zum Büro von Holger Malchow. Die Clinica Dr. Spinedi ist eingebettet in die Klinik Santa Croce, eine private Einrichtung für die Akutbehandlung psychiatrischer Störungen. 15 Betten darin sind für Holger Malchow und seine homöopathisch arbeitenden Kolleginnen und Kollegen reserviert.

Im Büro angekommen, kann man gut nachvollziehen, warum Holger Malchow bis heute hier geblieben ist: Von seinem Schreibtisch aus geht der Blick direkt auf den in der Sonne glitzernden Lago Maggiore. Aber das ist wohl nur ein netter Nebeneffekt. Er erklärt: «Ich bin selbstständig in eigener Praxis und arbeite als Belegarzt hier in der Klinik. Das heisst, ich betreue in der Oberarzt-Funktion Patienten und habe nebenher ambulante Patienten.» Neben der schönen Aussicht war auch die Möglichkeit, selbstständig zu arbeiten, ein Grund zum Bleiben.

Ausserdem hatte sich die Familie gut eingelebt. Und dabei hat der im Licht funkelnde See sicher geholfen: «Die Gegend um Stuttgart ist nicht schlecht, aber es gibt nur den Neckar und in dem kann man nicht baden», meint Holger Malchow rückblickend und schmunzelt.

Einen Kulturschock hätten sie nicht erlebt. Das mag unter anderem daran liegen, dass Holger Malchow bereits den grössten Teil seiner Kindheit im grenznahen Konstanz verbracht hatte. Einzig die Sprache stellte im Tessin eine echte Herausforderung dar. Die Kinder lernten am schnellsten Italienisch, und auch Holger Malchow kann heute problemlos italienischsprachige Patientinnen und Patienten betreuen: «Als wir ankamen, konnte ich die Sprache nicht. Dann habe ich mit einem Krankenpfleger ausgemacht, dass wir nur Italienisch miteinander sprechen. So habe ich es gelernt.»

Lindern und unterstützen

Die neuen Sprachkenntnisse benötigt der Wahltessiner allerdings längst nicht bei jeder Konsultation. Ein grosser Teil der Patientinnen und Patienten seien deutschsprachig. «Etwa die Hälfte meiner ­Patienten stammen aus der Schweiz, die andere Hälfte kommt aus anderen Ländern», sagt Holger Malchow. Besonders aus Deutschland nehmen viele den Weg ins Tessin auf sich.

Was er den teilweise weit Gereisten bietet? Die meisten von ihnen leiden an einer Krebserkrankung. Mit der homöopathischen Behandlung versuchen Holger Malchow und seine Kolleginnen und Kollegen, die Nebenwirkungen der Krebstherapie zu lindern. Er erklärt: «Wir greifen nicht in die onkologische Behandlung ein, sondern behandeln die Nebenwirkungen.» Dadurch steigere sich die Lebensqualität der Betroffenen. «Unsere subjektive Erfahrung ist, dass man bei unseren Patienten häufig ein gutes Ansprechen oder teilweise ein besseres Ansprechen auf die konventionellen Therapien sieht als erwartet.» Eigentlich würde der Homöopath gerne andere Schwerpunkte setzen: «Eine der Stärken der Homöopathie ist die Prävention.» Doch ­dafür kämen die Patientinnen und Patienten häufig zu spät.

Der gute Umgang miteinander

Ob er sich je überlegt habe, noch an einem anderen Ort in der Schweiz zu arbeiten? Nein, meint Holger Malchow. Er empfindet es als positiv, dass die Gesundheitsfachpersonen in der Schweiz generell mehr Zeit für die Patientinnen und Patienten haben als in Deutschland. Überhaupt sei das Leben hier etwas entspannter und weniger hektisch, meint er. Und speziell in Orselina gefällt es ihm besonders gut, wie er betont. Er schätzt das kollegiale Miteinander, die Zeit für die Patientinnen und Patienten und das gute Arbeitsklima. «Hier wird man auch einmal gelobt für das, was man tut. Dort wo ich früher gearbeitet habe, kam das nicht vor.»

Ein guter Umgang miteinander – man merkt, dass das sehr wichtig ist für den 51-Jährigen. Er mag es, dass in der Schweiz eine respektvolle Diskussionskultur gepflegt wird: «Man kann eher auch mal eine divergierende Meinung stehen lassen oder akzeptieren.» Dies gelte mehrheitlich auch in puncto Komplementär­medizin.

Seit 2017 ist er Mitglied im Vorstand des Schweizerischen Vereins homöopathischer Ärztinnen und Ärzte (SVHA). Seine Begründung für dieses Engagement zeigt, wie sehr er sich in die Schweizer Mentalität eingelebt hat: «Dem Tessin wird nachgesagt, dass es in der Schweiz nicht genügend wahrgenommen wird. Da wollte ich ihm eine Stimme geben.»

Zusätzlich engagiert er sich im Rahmen der SVHA Academy für die medizinische Ausbildung von Medizinstudierenden und jungen Ärztinnen und Ärzten. Mit Nachdruck sagt Holger Malchow: «Es ist mir ein gros­ses Anliegen, den ärztlichen und homöopathischen Nachwuchs auszubilden.»

Der Weg des Arztes aus Deutschland nahm eine ungeahnte Abzweigung in die Schweiz. Aber was sein medizinisches Arbeiten betrifft, hätte er geradliniger kaum verlaufen können.

Rund ein Drittel der Ärztinnen und Ärzte in der Schweiz kommt aus dem Ausland. Weshalb haben sie ihr Land verlassen? Und wie geht es ihnen hierzulande? Wir suchen ausländische Ärztinnen und Ärzte, die uns für unsere Rubrik «Grüezi Schweiz» einen Einblick in ihr Leben in der Schweiz gewähren. Wir freuen uns über eine Kontaktaufnahme: rahel.gutmann[at]emh.ch

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