Nécrologie

In memoriam ­Prof. Dr. med. Heinz Stefan Herzka (1935–2021)

DOI: https://doi.org/10.4414/bms.2021.19957
Date de publication: 23.06.2021
Bull Med Suisses. 2021;102(25):835

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In seiner Autobiografie schrieb Heinz Stefan Herzka zu einem Klassenfoto aus seiner dritten Primarklasse: «Ich stehe am Rand, ein wenig abgesetzt vom Kollektiv, was wohl meiner damaligen, aber oft auch späteren Stellung entsprach.»

1938 flüchteten die Eltern mit ihrem dreijährigen Sohn von Wien in die Schweiz. Bereits die Mutter war als Jugendpsychologin tätig und den Kreisen um Alfred Adler eng verbunden. Für die weltoffene jüdische Familie waren die Jahre der Emigration eine schwierige und unsichere Zeit, doch die Eltern konnten sich mit grosser Anstrengung und dank eines interreligiös und politisch engagierten Freundeskreises in Zürich eine neue Existenz aufbauen. Heinz Stefan Herzkas prägende Erfahrungen als Flüchtlingskind begleiteten ihn sein ganzes Leben und waren einer der Gründe für sein ­unermüdliches Engagement für die Psychotherapie mit Flüchtlingen, Migrantinnen und Migranten. Er engagierte sich als einer der ersten Vertreter unseres ­Faches für die transkulturelle Kinder- und Jugend­psychiatrie. Seine Haltung der Dialogik nach Martin Buber und sein Fokus auf Interdisziplinarität, vor ­allem unter Berücksichtigung von Medizin und Päd­agogik und unter Einbezug der Eltern und Familien, formten die kinder- und jugendpsychiatrische Behandlung in der Schweiz nachhaltig.

Nach dem Studium der Medizin absolvierte Heinz ­Stefan Herzka zunächst die Facharztweiterbildung zum Pädiater und anschliessend zum Kinder- und ­Jugendpsychiater. Bereits im Alter von 33 Jahren habi­litierte er im Fach Kinder- und Jugendpsychiatrie. Im Jahr 1976 wurde er an der Universität Zürich zum Extraordinarius für Kinder- und Jugendpsychiatrie und Psychopathologie des Kindes- und Jugendalters berufen. Herzka war in vielfältiger Hinsicht ein Pionier: Nach mehrjähriger Planung konnte 1975 unter seiner Leitung die erste Tagesklinik für Kinder- und Jugend­psychiatrie in der Schweiz eröffnet werden, welche er bis 1998 leitete und welche nationalen und internationalen Vorbildcharakter hatte.

Heinz Stefan Herzka war zudem Mitherausgeber der Acta Pädopsychiatrica. Er hinterlässt viele Publikationen zu entwicklungspsychologischen Themen, wie beispielsweise den 1975 erschienenen Bilderatlas Das Kind von der Geburt bis zur Schule. Neben der Medizin begleiteten ihn zeitlebens eine unermüdliche Neugier und ein grosses Interesse für Geschichte, Philosophie und Kunst. So sind uns wunderbare Bildbände mit seinen Fotografien zu Kindern aus der ganzen Welt erhalten. Sein politisches Engagement wie beispielsweise bei den Jugendunruhen 1980 zeugt von seinem umfassenden Einsatz für den Menschen in der Gesellschaft.

Seine erste Frau, Irène Herzka-Langsam, die nur zwei Monate vor ihm verstarb, hatte ihre Tätigkeit als So­zialarbeiterin zugunsten der Familie früh aufgegeben und ihren Ehemann auf seinem akademischen Weg unterstützt. Den gemeinsamen Kindern Marc, Michael und Ruth sowie den Enkeln Yossi und Dani blieben beide immer sehr eng verbunden. Zusammen mit seiner zweiten Frau, Verena Nil Herzka, wandte sich Heinz Stefan Herzka in der zweiten Lebenshälfte vermehrt der Musik zu, einem weiteren Eckpfeiler seiner Biografie. So initiierte er ein interkulturelles Musikprojekt für Kinder und widmete sich in den letzten Jahren dem Aufbau der weltweit grössten Schalmeien-Sammlung sowie der Gründung eines Museums für Musikinstrumente in Südfrankreich. Durch die Hinwendung zur Musik setzte er sich nochmals intensiv mit den Weltkulturen auseinander und schloss damit einen persönlichen Kreis. Herzka, der als Kind selbst gerne musiziert hatte, fand in der Musik ein überkulturelles Element, das Menschen jeder Religion und Kultur ­verbindet und für seine Wirkung keiner Sprache und Erklärung bedarf.

Am 14. Februar 2021 ist Heinz Stefan Herzka in Zürich im Kreise seiner Familie verstorben. Die schweizerische Kinder- und Jugendpsychiatrie hat ihm enorm viel zu verdanken und wird sein Andenken in Ehren bewahren. Heinz Stefans Einfluss wird unsere Arbeit noch lange begleiten.

Prof. Dr. med. Dipl.-Psych. Susanne Walitza

Vorstandsmitglied Schweizerische Gesellschaft für Kinder- und Jugendpsychiatrie und -psychotherapie

Prof. Dr. med. Alain Di Gallo

Co-Präsident Schweizerische Gesellschaft für Kinder- und Jugendpsychiatrie und -psychotherapie

Crédits

Foto: Ursula Markus

Adresse de correspondance

kommunikation[at]psychiatrie.ch

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