Courrier / Communications

Es gibt auch gewichtige ethische Gründe für Social Freezing

DOI: https://doi.org/10.4414/bms.2018.06623
Date de publication: 28.03.2018
Bull Med Suisses. 2018;99(1314):433-434

Prof. Dr. med. Bruno Imthurn, 
Klinikdirektor und Leiter des Kinderwunschzentrums, UniversitätsSpital Zürich

Es gibt auch gewichtige ethische Gründe für Social Freezing

Brief zu: Martin J. Wahrung der Autonomie – zu welchen Bedingungen? Schweiz Ärztezeitung. 2018;99(8):254.

In diesem Artikel wird zu Recht auf die ethische Verantwortung der Reproduktionsme­dizin aufmerksam gemacht. Gerade die Fortpflanzungsmedizin in der Schweiz unterwirft sich dabei sehr hohen Anforderungen. Dazu gehört eine höchstmögliche Transparenz unserer Tätigkeit. Gewährleistet wird dies dadurch, dass alle Schweizer Kinderwunschzentren seit 25 Jahren – anfangs auf freiwilliger Basis, ab 2001 mit dem Inkrafttreten des Fortpflanzungsmedizingesetzes gesetzlich geregelt – dem Bundesamt für Statistik zuhanden der kantonalen Überwachungsbehörden und der Schweizer Öffentlichkeit jeden Behandlungszyklus detailliert rapportieren. Es gibt wohl kein Medizingebiet in der Schweiz, das sich so offen in die Karten schauen lässt.

Trotzdem besteht in der Schweiz und im gesamten deutschsprachigen Raum eine grosse Skepsis gegenüber der Fortpflanzungsmedizin. Dies hat zumindest teilweise historische Gründe, verursacht durch die Nazi-Gräuel­taten, die eugenisch motivierte Säuberungen zum Ziel hatten. Allerdings liegen diese Verbrechen nun mehr als sieben Jahrzehnte zurück. Dass neue reproduktionsmedizinische Methoden bei uns weiterhin kritischer als in anderen Gegenden betrachtet werden, hat auch mit der Berichterstattung in den Medien zu tun, die auf Aufmerksamkeit und Quoten angewiesen sind. Das hat zur Folge, dass neue reproduktionsmedizinische Methoden zuerst einmal über Klicks und Reichweite generierende Missbräuche und Auswüchse kommuniziert und wahrgenommen werden.

Ein Beispiel dafür ist die Eizellspende, die keineswegs neu ist und in den meisten euro­päischen Ländern vielfach seit Jahrzehnten praktiziert wird, in der Schweiz aber weiterhin verboten ist. Über diese fortpflanzungsmedizinische Methode wurde in den Schweizer Medien wiederholt berichtet, wenn über 60-jährige Frauen nach einer Eizellspendenbehandlung aus östlichen Ländern – allenfalls noch mit höheren Mehrlingen – in die Schweiz zurückkehrten. Ohne Zweifel ist eine solche gesundheitsgefährdende Behandlung abzulehnen. Der grosse und nur wenig kommunizierte Nutzen der Eizellspendenbehandlung ist aber, dass sie vielen Frauen den Kinderwunsch erfüllen kann, die wegen einer tumorbedingten Chemotherapie oder wegen einer konstitutionell bedingten vorzeitigen Menopause schon in den 30ern keine Eizellen und somit auch keine eigenen Kinder mehr haben können. Die Zulassung der Eizellspende unter genau definierten Umständen in der Schweiz wäre darum auch aus medizinisch-ethischer Sicht für viele betroffene Frauen und Paare ein Segen.

Dasselbe Schicksal ereilt nun auch das seit ­wenigen Jahren mögliche Social Freezing – die Kryokonservierung von Eizellen zur Überwindung der altersbedingten Fertilitätsabnahme. Das Social Freezing wurde bei uns bekannt als Life-Style-Las-QVegas-Methode oder als Karrierehelfer bei Apple und Facebook. ­Dabei übernehmen beim Social Freezing 
im Unterschied zur Eizellspende diejenigen Frauen die Belastung der hormonellen Stimulation und der operativen Eizellgewinnung, die selber später von diesen Eizellen profitieren. Sie delegieren diese Bürde also nicht an andere Frauen – wie bei der Eizellspende. Zudem sind beim Social Freezing Schwangerschaftsrisiken wie beispielsweise die Präeklampsie – im Unterschied zur Eizellspende – nicht erhöht. Auch wenn nicht für alle Zukunft aus-
­zuschliessen, hat an unserem Kinderwunschzentrum bisher noch keine Frau aus Karrie­regründen ein Social Freezing durchführen lassen. Die verständliche Motivation dieser Frauen um 35, sich für ein Social Freezing bei uns zu entscheiden, war ausnahmslos, sich die Chancen auf Erfüllung des Kinderwunsches zu erhalten, nachdem eine langjährige Beziehung in die Brüche gegangen war. Es gibt also durchaus nachvollziehbare und gewichtige ethische Gründe, die für das Social Freezing sprechen und bedacht werden sollten.

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