Courrier / Communications

Es folgen fünf Briefe zum Beitrag: Weiss J, Immer F. Organspende in der Schweiz – explizite oder vermutete Zustimmung? Schweiz Ärztezeitung. 2018;99(5):137–9

Zur Hirntod-Debatte: Die Grenzen der Wissenschaft

DOI: https://doi.org/10.4414/bms.2018.06464
Date de publication: 28.02.2018
Bull Med Suisses. 2018;99(09):266

Dr. med. Alex Frei, Winterthur

Zur Hirntod-Debatte: Die Grenzen der Wissenschaft

Bevor wir über die Widerspruchslösung diskutieren, sollten wir meines Erachtens zuerst nochmals grundsätzlich die Legitimation der Transplantationsmedizin beurteilen, denn neueste wissenschaftliche Arbeiten kommen zum naheliegenden Schluss, dass beim Tod des Menschen seine Person und sein Körper stirbt [1]. Das hat weitreichende Konsequenzen für die Transplantationsmedizin, weil somit hirntote Menschen, bei denen ja nur das Hirn, nicht aber der übrige Körper tot ist, nicht mehr tote, sondern sterbende Menschen sind. Ob bei sterbenden Menschen Organe entnommen werden sollen, muss neu beurteilt werden.

Es gibt aber meines Erachtens noch weitere Gründe für eine Neubeurteilung:

Ist die Annahme der Befürworter des Hirntodkonzeptes gerechtfertigt, dass ein hirn­toter Mensch nichts mehr wahrnimmt, wenn ihm lebende Organe aus seinem lebenden Körper entnommen werden, und dass das Sterben des restlichen Körpers für hirntote Menschen keine Bedeutung hat?

1. Was, wenn sich die Medizin irrt?

Die Medizin hat sich in der Vergangenheit ­immer wieder geirrt. So wurden noch bis vor nicht allzu langer Zeit bei männlichen Neugeborenen Beschneidungen ohne Narkose durchgeführt, weil die Medizin zu wissen glaubte, Säuglinge hätten noch keine Schmerzempfindung.

2. Ein mehrzeitiger Tod ist widernatürlich und schadet Sterbenden mit hoher Wahrscheinlichkeit

Gespendete Organe müssen zum Zeitpunkt der Entnahme noch lebendig sein. Die Lebens­energie in den gespendeten Organen ist somit immer die Lebensenergie der Spender, auch während der ganzen Lebenszeit im Körper der Empfänger. Die entnommenen Organe sterben also nicht zusammen mit dem Hirn und dem Rest des Körpers der Spender, sondern sie überleben und sterben erst nach Monaten und Jahren im Körper der Empfänger. Der Körper von Spendern stirbt somit einen mehrzeitigen Tod.

3. Wann verlässt die Seele, so es denn eine gibt, den Körper?

Sterben ist ein längerer Prozess. Die empfindlichsten Zellen des Körpers, die Nervenzellen im Gehirn, sind bereits fünf Minuten nach Herzstillstand tot, die Hornhaut des Auges kann noch nach drei Tagen transplantiert und Zellen bestimmter Gewebe können noch nach einer Woche in Zellkulturen vermehrt werden. Wann verlässt die Seele den Körper? Beim Herzstillstand, beim Hirntod oder erst nach einer Woche?

4. Unser Wissen über Hirntote ist unvollständig

Hirntote Menschen regulieren die Körpertemperatur, bekämpfen Infektionen und heilen Wunden, hirntote Kinder wachsen und kommen in die Pubertät und schwangere hirntote Frauen können gesunde Kinder zur Welt bringen. Der Körper kann offenbar auch ohne Gehirn viele Funktionen aufrechterhalten. Können wir annehmen, dass all dieses ­Leben für hirntote Menschen bedeutungslos ist?

5. Was wird die Forschung Neues bringen?

Denkbar wäre, dass es so etwas wie ein «Zellgedächtnis» gibt. Die Körperpsychotherapie, eine anerkannte, krankenkassenzulässige Therapieform, geht davon aus, dass im Körper emotionale Informationen aus der Kindheit gespeichert sind. Wenn also Erinnerungen auch im Körper gespeichert sein sollten, würde dies bedeuten, dass auch im Körper eine Form von Bewusstsein existiert, dass Spender Organverpflanzungen somit miterleben und dass Empfänger Erinnerungen der Spender mittransplantiert bekommen. Dazu gibt es in der Literatur Hinweise, die aber durch weitere Forschung bestätigt werden müssen.

6. Auch für die Philosophie hat der Körper ­Bedeutung

Die Philosophin Barbara Bleisch bemerkte in Sternstunde Philosophie (SRF 31.12.2017) in einem Gespräch über Unsterblichkeit: «… dass Lüscher die Art von Unsterblichkeit im Kopf hat, wo man sein Hirn quasi hinauflädt auf ­einen Chip und dann in einem neuen Körper weiterlebt. Und das finde ich schon alleine deshalb absurd, weil es so eine starke Leib-Seele-Dichotomie macht, als wäre ich nicht auch mein Körper.» Für Barbara Bleisch ist klar, dass wir auch unser Körper sind.

Fazit: Wir wissen nicht, was Sterbende er­leben, ob ein mehrzeitiger Tod Sterbenden schadet, wann genau die Seele, so es denn eine gibt, den Körper verlässt und ob es kein Zellgedächtnis gibt.

Sollten aber Organtransplantationen Sterbenden schaden, wäre das eine unglaubliche Tragödie.

Müssten wir nicht angesichts so viel Nichtwissens den alten ärztlichen Behandlungsgrundsatz des Primum nil nocere (in erster ­Linie nicht schaden) beherzigen und auf die Entnahmen von Organen während des Sterbeprozesses verzichten?

«Wenn der Atem aussetzt und der Arzt bestätigt es: sind Sie sicher, dass man in diesem Augen­blick keine Träume mehr hat?» (Max Frisch, «Fragebogen» XI, Suhrkamp).

Literatur

1 Kersting, D. Tod des Körpers oder Tod der Person? Ethik Med (2017) 29: 217.

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