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Courrier / Communications

Nachhaltiges Gesundheitswesen: Diskrepanz zwischen Absichten und Tatsachen

DOI: https://doi.org/10.4414/bms.2022.20810
Date de publication: 18.05.2022
Bull Med Suisses. 2022;103(20):680

Dr. med. Bernhard Estermann, Malters

Nachhaltiges Gesundheitswesen: Diskrepanz zwischen Absichten und Tatsachen

Brief zu: Maurer S. Wie Schweizer Spitäler ökologischer werden können. Schweiz Ärzteztg. 2022;103(18):606–8

Mit der Thematisierung der Nachhaltigkeit im Gesundheitswesen und dem konkreten Verfassen eines entsprechenden Strategie-­papiers hat die FMH 2021 entscheidende Schritte in die Wege geleitet. Den lobenswerten Absichten bläst aber ein rauer Wind entgegen, und zuweilen begeben sich die Autoren auf aalglattes Parkett, wenn sie etwa sagen, dass die Ärzte den Patienten raten sollen, ihren Fussabdruck zu reduzieren, oder wenn die Ärzte eine Vorbildfunktion einnehmen sollen. Es ist eine einfache Tatsache, dass die grosse Mehrheit der ca. 40 000 Schweizer Ärzte zu jenem Teil der Bevölkerung gehört, welche mit all den Ferienwohnungen, Häusern, Jachten, SUV’s, belastenden Reisen, Kreuzschifffahrten usw. zu den stärksten CO2 -Emittenten der Gesellschaft gehören und mit ihrem Fussabdruck weit entfernt von einer Vorbildfunktion sind. Bevor die Ärzte die Patienten dazu motivieren, den Fussabdruck zu reduzieren, müssten sie bei sich selbst aufräumen. Hoffnung macht aber, dass ein wachsender Teil der Ärzteschaft sich von der elitären Haltung längst verabschiedet hat und ausserordentlich nachhaltig lebt.

Und wenn Simon Maurer auf S. 606 ff beschreibt, wie Schweizer Spitäler ökologischer werden können, so ist es ganz wichtig, zur Kenntnis zu nehmen, dass in der Schweiz aus Wirtschafts-, Kosten- und Profitgründen immer noch wachsend mehr mit Beton, Stahl, Glas, Kunststoffen gebaut wird als mit nachhaltigen Stoffen. Jetzt und in den kommenden ­Jahren werden vom Kantonsspital Luzern an allen drei Standorten Luzern, Sursee und Wolhusen neue Spitäler erstellt werden, und hier wird bzgl. Baumaterialien vermutlich soweit bekannt nur tertiär nach ökologischen Kriterien geplant und gehandelt. Dies in krassem Gegensatz zur Realisierung von Spitälern z. B. in Baden-Württemberg und Steiermark. 2018 wurde in Graz das erste Krankenhaus in Vollholzbauweise realisiert. Studien belegen angeblich bereits relevante positive Effekte auf die Gesundheit der Patienten. Es stellt damit ein Vorzeigeprojekt in Sachen Gesundheitsförderung und Umweltschutz dar und es wäre wünschenswert, dass entsprechende Innovationsschritte auch bei den bevorstehenden Millionen- und Milliardenprojekten (Ersatz des Hauptgebäudes des Kantonsspitals Luzern) in der Schweiz vollzogen würden. Politiker und Spitäler haben es in der Hand, weiter Sondermüll zu bauen und die CO2-Emissionen wachsen zu lassen oder eben die entscheidende Wende in die Wege zu leiten.

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