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Courrier / Communications

Kommentar zum russischen Gesundheitssystem

DOI: https://doi.org/10.4414/bms.2022.20683
Date de publication: 06.04.2022
Bull Med Suisses. 2022;103(14):470

Dr. med. Sergei Jargin, Moskau

Kommentar zum russischen Gesundheitssystem

Das Gesundheitswesen ist ein Spiegelbild der Prioritäten und allgemeinen Entwicklung der Gesellschaft. In Westeuropa sind die nötigen Kosten durch Krankenkassen gedeckt. In Russland deckt die Krankenversicherung nicht alles, ausser anderem die Arzneimittel bei den meisten ambulanten Patienten nicht. Es gibt die sogenannten medizinisch-ökonomischen Standards, welche die Leistungen verzeichnen, die von der obligatorischen Krankenversicherung zu übernehmen sind; doch werden solche Leistungen nicht in allen Fällen problemlos erbracht, insbesondere bei ambulanten Patienten in Polikliniken. Eine unterschwellige Bezahlung wird stellenweise genommen und erwartet. In einigen Polikliniken werden nichtzahlende Patienten gemobbt. Auf allen Ebenen fehlt es an kompetenten und redlichen Verwaltern: leitende Chefärzte (gleichzeitig auch Verwaltungsleiter der Krankenhäuser) kooperieren in Bestattungs-, Bau- und anderen Geschäften. Es fehlt an moderner Fachliteratur [1]. Eine Ärzteorganisation wie die Ärztekammer gibt es in Russland nicht; zum Teil deswegen werden sowohl ärztliche Standesfragen als auch die medizinische Ethik unzureichend bekannt und beachtet. Eigentlich benötigt Russland internationale Hilfe in Sachen Gesundheitswesen. Im Hinblick auf die aktuelle politische Sachlage wird die Zusammenarbeit mit Russland in den meisten Bereichen beendet. Hindernisse auf dem Wege der Einfuhr medizinischer Produkte, gekoppelt mit einem zunehmenden Einfluss vom Militär, können ungünstige Folgen für das russische Gesundheitssystem haben. Binnenprodukte werden trotz oft niedriger Qualität und möglichen Fälschungen gefördert. Diejenigen, die faktisch oder auf dem Papier am aktuellen Konflikt teilnehmen, werden den Veteranenstatus und damit Privilegien gegenüber Mitbürgern erhalten. Ehemalige oder aktuelle Militärfunktionäre, ihre Angehörigen und Protegés, die viele Führungspositionen an Universitäten, Akademien, im Gesundheitswesen und anderen ­Behörden besetzen, werden dominanter werden. Die medizinische Ausbildung, Praxis und Forschung erfordern eine harte und sorgfältige Arbeit. Einige Funktionärenkinder sind darauf nicht vorbereitet. Der «militärische» Führungsstil hemmt die Polemik und Kritik. Der Mangel an professioneller Autonomie trägt zu einer fortbestehenden Verwendung suboptimaler Methoden gemäss Anweisungen und autoritativen Veröffentlichungen. Einige invasive Verfahren mit unzureichenden Indikationen wurden von ehemaligen Militärchirurgen befürwortet [2]. Beispielsweise blieb die weltweite Tendenz zu einer konservativeren Behandlung von Mammakarzinom in der ehemaligen Sowjetunion jahrzehntelang unbemerkt. In den 1980er Jahren und mit abnehmender Tendenz in den 1990er Jahren war das Halsted-Verfahren die vorherrschende Methode. Diese Operation wurde in einigen im 21. Jahrhundert herausgegebenen Fachbüchern als Hauptbehandlungsmethode dargestellt. Noch radikalere Operationsverfahren wurden empfohlen und verwendet. Als die Überbehandlung allmählich eingesehen wurde, haben Mikhail Kuzin u.a. als Alternative die modifizierte radikale Mastektomie von Patey mit Entfernung des M. pectoralis minor empfohlen. Auch diese Operation ist mit Komplikationen assoziiert; trotzdem wurde sie in den letzten Jahrzehnten in Russland weit verwendet. Bronchoskopie wurde routinemässig unter Rekruten mit einer Pneumoniediagnose angewandt. Die militärische und medizinische Ethik ist nicht dasselbe. Die niedrige Lebenserwartung in Russland ist ein strategischer Vorteil, da weniger Gesundheitsinvestitionen und Renten ­nötig sind.

Literatur

1 Jargin SV. Eingeschränkter Zugang zur internationalen medizinischen Fachliteratur in der ehemaligen ­Sowjetunion. Wien Med Wochenschr. 2012;162:272–5.

2 Jargin SV. Invasive procedures with unproven ­efficiency. Advances in Medicine and Biology (Nova Science Publishers). 2021;176:67–98.

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