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Courrier / Communications

Praxistätigkeit: vieles hat sich verändert

DOI: https://doi.org/10.4414/bms.2022.20584
Date de publication: 02.03.2022
Bull Med Suisses. 2022;103(09):283

Dr. med. Josef Widler, Zürich

Praxistätigkeit: Vieles hat sich verändert

Brief zu: Meyer S. Zukunft der FMH? Schweiz Ärzteztg. 2022;103(5):138.

Ja, lieber Stephan, während unserer Praxis­tätigkeit hat sich vieles verändert. Leider nicht alles nur zum Guten. So haben die Ökonomie und die Politik das Ruder in der Gesundheitsversorgung übernommen. Sekundiert werden sie von den Krankenkassen, die das Wohl der Patienten hinter ihren ökonomischen Erfolg stellen. Es gibt leider auch immer mehr Kolleginnen und Kollegen, die von der Politik des Misstrauens und der allgemeinen Verunsicherung der Patientinnen und Patienten profitieren. Es ist Tatsache, dass man seinen finanziellen Erfolg schmälert, wenn man aufgrund der klinischen Beurteilung auf technische Untersuchungen verzichtet. Ich stelle auch fest, dass unsere jungen Kolleginnen und Kollegen während der Ausbildung immer weniger in die Kunst der klinischen Unter­suchung und des Erhebens der Anamnese eingeführt werden. Sie sammeln «objektive Daten» und verbringen Stunden am PC.

Work-Life-Balance und Kostendruck fördern die Entstehung von Grosspraxen, die sich leider immer mehr im Besitz von nicht ärzt­lichen Investoren befinden. Das Berufsbild der alten Hausärzte entspricht nicht mehr den Vorstellungen der jungen Generation.

Die AGZ und die FMH setzen sich im Rahmen ihrer Möglichkeiten für die Interessen der ­Patienten und der Ärzteschaft ein. Dafür steht der TARDOC exemplarisch. Der Tarif wurde in enger Zusammenarbeit mit den Fachgesellschaften und der Mehrzahl der Versicherer erarbeitet. Das Tarifwerk berücksichtigt sowohl die Interessen der Patienten als auch der Ärzteschaft. Ein gelungenes Werk der FMH, das vom BAG und von santésuisse bis zum heutigen Tag boykottiert worden ist. Wir hoffen aber, dass der Tarif per 1.1.2023 inkrafttreten kann.

Die einzelnen Mitglieder können sich heute über ihre Bezirks- und Fachgesellschaften ­sowohl in der AGZ als auch in der FMH in der Delegiertenversammlung und in der Ärztekammer einbringen. Leider nimmt nur eine Minderheit der Mitglieder am standespolitischen Leben teil. Die AGZ sucht im Rahmen des Verbandsentwicklungsprojektes neue ­Gefässe für den Austausch unter den Mitgliedern und zur Mitgestaltung der Zukunft. Die AGZ und die FMH entwickeln sich weiter und versuchen, die Basis für staats- und standespolitische Fragen zu sensibilisieren.

Der Wandel der Zeit fordert aber auch uns Ärztinnen und Ärzte im Praxisalltag heraus. Arzt sein sollte meiner Meinung nach immer noch Berufung sein. Das heisst, das Wohl des Patienten steht über allem. «Primum non ­nocere, secundum cavere, tertium sanare.» Das Vertrauen der Patienten ist aber die Voraussetzung für eine erfolgreiche Behandlung. Eine wichtige Nebensache ist auch die finan­zielle Abgeltung der geforderten Leistungen. Durch die Politik und die Ökonomie wird der Wert der ärztlichen Leistungen vorsätzlich vermindert. Damit sinkt intrinsisch auch die Bereitschaft der einzelnen Ärztinnen und Ärzte, Verantwortung für ihre Patientinnen und Patienten zu übernehmen.

Auch ich blicke auf mehr als dreissig Jahre ärztlichen Wirkens zurück. Mein Beruf als Hausarzt hat mich bis heute erfüllt, trotz ­Tarifzerfall, unnötiger Administration, wachsendem Misstrauen der Versicherer und Pa­tienten, die immer fordernder auftreten. Geniesse den wohlverdienten Ruhestand und halte Dich an die Volksweisheit: «Mach es wie die Sonnenuhr, zähl die heitren Stunden nur!»

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