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Horizons

Meeting der Coronaviren

DOI: https://doi.org/10.4414/bms.2022.20581
Date de publication: 09.03.2022
Bull Med Suisses. 2022;103(10):333

Isolde Schmid

Dr. med., Fachärztin für Allgemeinmedizin und Psychosomatik

Jeden Abend fand eine Zusammenkunft der Viren statt.

Sie mussten ihrem Chef Anor Rechenschaft ablegen, um ihr Plansoll zu erfüllen, sie kamen ja aus China, rapportierten über die getane Arbeit, Probleme, spe­zielle Erlebnisse. Am Anfang, als alles begann, vor zwei Jahren, war es einfach gewesen, die Menschen – ganz selten Tiere – zu infizieren. Nun aber, mit den Impfungen, die weltweit bis in entlegene Gegenden zunahmen, wurde die Verbreitung des Virus schwieriger.

Virus Ona erzählte: «Als ich zum ersten Mal aus der Nähe miterlebte, wie die Antikörper des Geimpften auf uns losgingen, wurde mir Angst und Bange, ich fürchtete um meine Existenz. Die Viren rings um mich ­herum wurden einfach − schwupps − verschluckt! Ich konnte mich gerade noch retten, ich war in einem Sänger drin und konnte durch seinen offenen Mund entwischen, als er ein − zugegebenermassen schönes − Lied sang!» Virus Coro sagte: «Heute gab es in einer Stadt 100 000 Neuansteckungen.» Virus Roco: «Eine ganze Siedlung wurde beinahe lückenlos infiziert!» – «Wie war das möglich?» – «Es geschah in einem gros­sen Flüchtlingslager, alles Zelte.»

Virus Vina, er war der Jüngste, berichtete: «Ich ging in eine Gebärklinik und konnte es kaum mit ansehen, wie die Frauen unter grossen Schmerzen ihre Kinder gebären! Ich war heilfroh, dass wir uns nicht auch auf diese Weise vermehren müssen! Ich dachte mir, mit der Geburt haben sie schon genug durchgemacht, und entfernte mich, ohne sie zu befallen.» Natürlich bekam er von Chef Anor einen ordentlichen Rüffel, und als Strafe wurde sein freier Tag gestrichen, sehr schmerzlich für ihn, denn er hatte mit seinem neuen Schätzchen Cano ein Treffen abgemacht! Virus Naco erzählte: «Ich war bei einem sehr alten Ehepaar. Ihr Glück ist, dass sie noch immer zusammen sein dürfen, sie hatten gerade Besuch von zwei Enkelkindern. Ich brachte es nicht übers Herz, sie zu infizieren!» Er bekam eine gros­se Rüge von Chef Anor zu hören. «Du musst nur an das Plansoll denken, Gefühle sind verboten! Morgen musst du doppelt so viele Menschen infizieren!» – «Wie soll das gehen?» – «Das überlasse ich dir!» Zu seinem Glück vernahm er, dass am nächsten Abend, vor einer neuen, strengen, einschränkenden Verordnung, vielleicht zum letzten Mal für etliche Zeit, ein Anlass in einem Klublokal stattfand – dort ging er hin. Sein Chef war mit dem Resultat mehr als zufrieden …

Zunehmend wurde es schwieriger für die Viren, da die Impfungen rasch zunahmen. Sie berieten sich, wo sie hinsollten. Auf kleine Inseln? Ihr Chef Anor liess ­neuartige Viren herstellen, er brachte es auf zwölf Varianten, darunter Omikron und Delta. Er war mit den neuen Viren zufrieden, die Impfungen vermochten eine Infektion und Weiterverbreitung nicht ganz zu verhindern. Die Impfgegnerinnen und Impfgegner fühlten sich bestätigt …

Eines Abends verkündete Anor: «Nächsten Samstag ist Grosseinsatz! Im Theater findet eine Opernaufführung statt, ausverkauft, normale Bestuhlung, 1000 Plätze! Leider Maskenpflicht. Alle müssen dabei sein, Freitage können nicht eingezogen werden.» Begeistert riefen alle: «Klaro sind wir dabei!»

Die Viren schimpften übereinstimmend zusammen: «Diese blöden FFP2-Masken, schützen ihre Trägerinnen und Träger, wir kommen nicht an sie heran! Gut, sind sie den meisten Menschen zu teuer, ein bis zwei Franken, das Geld reut sie, aber nicht für Saufen und Fressen und Zigaretten! Nun ja, gut für uns!»

Am nächsten Abend sagte Vina, der Jüngste, ganz entsetzt: «Wisst ihr, was ich vernommen habe? Es gibt Menschen, die infizieren sich selbst, um ein 2G-Zerti­fikat zu bekommen. Sie müssen sich dann nicht jedes Mal vor dem Ausgang testen lassen!» Die andern riefen empört: «Du lügst, hör auf!» Aber Chef Anor sagte ganz ruhig: «Doch, es stimmt!» Sie waren alle sprachlos

«Chef, was ist eigentlich unser Ziel?» – «Alle anzu­stecken!» – «Und dann?» – «Darüber habe ich nicht nachgedacht.»

Nach drei Jahren Pandemie wurden die Menschen gleichgültiger, passten weniger auf, die Infektionen stiegen. Die Impfstoffe wurden angepasst, aber deren Entwicklung dauerte eine Weile; die immer neuen ­Virusarten waren eine Nase voraus.

Die Seuche dauerte so lange, bis der grösste Teil der Menschheit die Infektion überstanden hatte, lebendig oder tot.

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Elena Mozhvilo / Unsplash

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