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Tribune

«Ich muss mich nicht entscheiden»

DOI: https://doi.org/10.4414/bms.2022.20566
Date de publication: 23.03.2022
Bull Med Suisses. 2022;103(12):400-401

Eva Mell

Stellvertretende Chefredaktorin der Schweizerischen Ärztezeitung

Cesar Winnicki ist gebürtiger Pole und seit über 30 Jahren Arzt in der Schweiz, wo er Schul- und Komplementärmedizin in seiner Praxis für Integrative Medizin ­miteinander verbindet. Der gelungene Kompromiss ist sein Lebensziel geworden, privat wie beruflich.

«Meine polnischen Freunde fragen mich manchmal: Bist du jetzt Schweizer oder Pole?», erzählt Cesar Winnicki und schiebt die Antwort sogleich hinterher: «Ich bin Europäer!» Das aber löse in seiner alten Heimat Kopfschütteln aus. «Europäer? Nein, du musst dich entscheiden», sagen seine Freunde dann. Und erleichtert lächelnd berichtet er, was er über dieses Entweder-oder denkt: «Das Schöne ist: Ich muss mich nicht entscheiden.» Der gebürtige Pole, seit über 30 Jahren Arzt in der Schweiz und längst Schweizer Staatsbürger, will sich nicht in Schubladen stecken lassen. Weder bezüglich seiner Heimatgefühle noch bezüglich seiner medizinischen Präferenzen.

Im Regal hinter ihm in seinem Behandlungszimmer sind schul- und alternativmedizinische Bücher aufgereiht: Der Pschyrembel steht hier ebenso wie Du bist das Placebo. Bewusstsein wird Materie. Daneben ein Heiligenbildchen, historische Apotheker-Gefässe sowie Modelle von Organen und Knochen. In seiner Aeskulap Praxis für Integrative Medizin in Zug erzählt Cesar Winnicki davon, wie er als junger Arzt Polen verliess, um in der Schweiz die anthroposophische Medizin kennenzulernen und wie er seine Patientinnen und Patienten mittlerweile integrativ behandelt: Mit so viel Schulmedizin wie nötig und so viel Komplementärmedizin wie möglich. Aber der Reihe nach.

Früher Blick ins deutschsprachige Ausland

Cesar Winnicki, gesprochen: Winnizki, wuchs in der polnischen Kleinstadt Stargard auf, 50 Kilometer entfernt von der deutschen Grenze. Auf dem Gymnasium habe er aus praktischen Gründen beschlossen, Deutsch zu lernen: «Bei der kurzen Entfernung zur DDR würde ich es sicher auch mal nutzen können», erklärt er seine einstige Motivation und fügt mit seinem weichen, polnischen Akzent hinzu: «Nie hätte ich gedacht, dass es mal meine zweite Muttersprache werden würde.»

Als sich der junge Mann Anfang der 80er Jahre für ein Studienfach festlegen musste, war seine Entscheidungskraft nicht ganz so eindeutig wie zuvor bei der Wahl der Fremdsprache. Vielleicht Architektur? Oder lieber Sprachen? Psychologie? Am Ende dämmerte es ihm: So abwechslungsreich wie die Medizin ist kaum eine andere Stu­dienrichtung. Zwar erschien ihm das Medizinstudium tatsächlich spannend, aber auch mechanisch und immer wieder zu einseitig.

«Ich wollte mehr!», sagt der heutige Komplementärmediziner. Mehr: Das waren für ihn Ansätze, die über die Schulmedizin hinausgingen. Cesar Winnicki fand Kontakt zur anthroposophischen Szene in Polen, die sich vor allem im pädagogischen Bereich engagierte. «Man erzählte mir aber, dass es anderswo auch eine Verwirklichung der Anthroposophie in der Medizin gibt», erinnert er sich. Schliesslich fand er sein Ziel: Die Ita-Wegman-Klinik in der Schweiz, errichtet 1921 als erstes anthroposophisches Spital weltweit, heute bekannt als Klinik Arlesheim.

Ein berufliches Schlüsselerlebnis

Als Praktikant in der Medikamentenherstellung habe er dort zu Beginn der 80er Jahre ein Schlüsselerlebnis gehabt, das ihn als Arzt bis heute geprägt habe. «Eine Woche, nachdem ich dort angefangen hatte, fragte man mich, ob ich mit nach Graubünden fahren könnte, um Aconitum zu pflücken», erzählt er. Ein Fahrer sei krank gewesen, man habe Ersatz gesucht. Und so stieg der junge Mann ins Auto, fuhr in die Berge, schnürte mit seinen Kollegen die Wanderschuhe, stieg noch ­einmal zwei Stunden lang den Wanderpfad hinauf, sammelte Blauen Eisenhut, stieg wieder hinab, fuhr das Auto zurück nach Arlesheim und legte die Pflanze für die weitere Verarbeitung zum Medikament in Alkohol ein. «Ich habe den gesamten Herstellungsprozess erlebt und bekam so eine ganz neue Beziehung zu Arzneimitteln», sagt der Mediziner und erklärt: «Im Berufsalltag heutzutage ist es manchmal peinlich. Wenn eine Patientin die rote Pille lobt, die ihr verschrieben wurde, weiss der Arzt oft gar nicht, welche sie meint.»

Zwei Praktika absolvierte der angehende Mediziner in Arlesheim, arbeitete aber nach seinem Studium zunächst am Unispital in Warschau als Gastroenterologe. Beinahe hätte er ein Stipendium angenommen, um in den USA zu forschen, doch dann kam 1991 die Zusage der Ita-Wegman-Klinik für eine Stelle als Assistenzarzt. Bloss ein Jahr lang wolle er bleiben und danach weiter forschen, vertröstete er seinen Chef. Doch Cesar Winnicki ist nie zurückgekehrt. Und das, obwohl die anthroposophische Medizin ihm nach drei Jahren zu eng, zu einseitig wurde.

Wieder suchte er nach mehr: «Ich wollte Homöopathie einsetzen, aber das war verpönt», sagt er. «Ich wollte Neuraltherapie anwenden, aber ich sollte die Werke von Rudolf Steiner lesen.» Mit der Wachsamkeit des Unzufriedenen stiess er auf die 1990 gegründete Aeskulap Klinik in Brunnen. Dort verband man Schulmedizin und alternativmedizinische Methoden. 2014 verliess er die Klinik nach 20 Berufs­jahren, um mit seiner Frau, ebenfalls Ärztin, und zwei weiteren Komplementärmedizinern die Aeskulap Praxis in Zug zu gründen, ein ambulantes Zentrum für inte­grative Medizin.

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Cesar Winnicki in seiner Praxis in Zug.

Anfeindungen und Aufwind

Wenn Cesar Winnicki von seinem beruflichen Weg in der Schweiz erzählt, gerät er ins Schwärmen. Doch schliesslich räumt er ein, dass er es nicht immer leicht hatte. Zu Beginn seien die Ärztinnen und Ärzte der ganzheitlichen Aeskulap Klinik von der Schweizer Ärzteschaft als «Aussteiger» betrachtet worden, erinnert er sich. «Uns wurden Wissen und Kenntnis abgesprochen», sagt er und ergänzt: «Glücklicherweise standen die zufriedenen Patienten und Patientinnen hinter uns.» Im Jahr 2009 hatte Cesar Winnicki wieder ein Schlüsselerlebnis in der Schweiz: «Zwei Drittel der Stimmbevölkerung haben Ja zur Komplementärmedizin gesagt. Seitdem steigt ihr Ansehen.»

Nach rund 30 Berufs- und Lebensjahren in der Schweiz ist der 61-jährige Arzt aus Polen hierzulande heimisch geworden. «Ich liebe das Land», sagt er, ohne zu zögern. «Wenn ich mit meiner Frau von unserem Haus in Brunnen auf den Vierwaldstättersee blicke oder mit dem Bike oder zu Fuss in der Umgebung unterwegs bin, denke ich immer wieder: Schöner kann man gar nicht wohnen.»

«Meine Frau ist auch Komplementärmedizinerin hier in der Aeskulap Praxis», erzählt Cesar Winnicki am Ende des Gesprächs. Kennengelernt haben sich beide während des Medizinstudiums in Stettin. Dass sie mit ihm in die Schweiz kam und jeweils dieselben Arbeitgeber hatte wie er, sei für sie – «eine angefressene Kardiologin» – zunächst ein Kompromiss gewesen. «Das Leben besteht eben aus Kompromissen», kommentiert Cesar Winnicki und fügt hinzu: «Meine Frau als Ärztin und Mutter von zwei Söhnen könnte einiges darüber erzählen!»

Während er in seiner Zuger Praxis für integrative Medizin sitzt und von seinem Weg in die Schweiz berichtet, klingt es zunächst nicht, als sei er selbst ein Mann der Kompromisse. Und doch: Als Mediziner, der jeden Tag schul- und komplementärmedizinisch arbeitet, muss er ständig mit sich und seinen Patientinnen und Patienten aushandeln, welcher Kompromiss geboten ist. Und in der Schweizer Politik liebt er vor allem ­eines: die Bereitschaft aller Beteiligten, Kompromisse einzugehen. Es mag auch heute nicht jeder Schweizer Berufskollege, nicht jede Kollegin seine Neigung zur Komplementärmedizin verstehen. Und nicht alle seine polnischen Freunde können seine Doppel­spurigkeit in Heimatfragen nachempfinden. Er geht seinen Weg dennoch weiter. Da ist Cesar Winnicki kompromisslos.

Rund ein Drittel der Ärztinnen und Ärzte in der Schweiz kommt aus dem Ausland. Weshalb haben sie ihr Land verlassen? Und wie geht es ihnen hierzulande? Wir suchen ausländische Ärztinnen und Ärzte, die uns für unsere Rubrik «Grüezi Schweiz» einen Einblick in ihr Leben in der Schweiz gewähren. Wir freuen uns über eine Kontaktaufnahme: rahel.gutmann[at]emh.ch

Crédits

Eva Mell

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