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Courrier / Communications

Tierversuch auch wissenschaftlich ungenügend (mit Replik)

DOI: https://doi.org/10.4414/bms.2022.20551
Date de publication: 16.02.2022
Bull Med Suisses. 2022;103(07):211-212

Dr. med. Renato Werndli, Eichberg

Tierversuch auch wissenschaftlich ungenügend (mit Replik)

Brief zu: Mell E. Das Ende der Labormaus? Schweiz Ärzteztg. 2022;103(4):116–7.

Die Gegnerinnen und Gegner der Tierversuchsverbotsinitiative behaupteten in ihrem Bericht tatsächlich, dass die Annahme «ein Forschungsverbot bedeutet hätte». Dabei wurde nur eine einzige Forschungsmethode von unzähligen tangiert! Und dazu eine schlechte, da das «Messgerät» ein Tier mit Psyche und Emotionen ist und deshalb immer variierende Resultate ergibt. Damit fehlt das Hauptmerkmal einer guten Forschung, die Reproduzierbarkeit! Wie die meisten Forschenden behauptet auch Marcel Tanner, dass «Tierversuche nötig sind». Sie sagen dies schon seit den ersten Abstimmungen darüber in den 80er Jahren. Wie schon damals ohne ­irgendwelche Belege. Wir können nun aber genau das Gegenteil nicht nur behaupten, sondern auch mit rund 100 Quellen der so­genannten Meta-Forschung, oder auch genannt Forschungsmethodik, also jene Forschungsrichtung, die Forschungsmethoden untersucht, belegen. Und sie weisen wissenschaftlich nach, dass Tierversuche als Forschungsmethode grosse Nachteile haben. Wir sollten also Tierversuche nicht nur aus ethischen, sondern auch aus wissenschaft­lichen Gründen abschaffen.

Replik auf «Tierversuch auch wissenschaftlich ungenügend»

Sehr geehrter Herr Werndli

Die Diskussion rund um Tierversuche ist zweifellos wichtig und wir alle sind der Meinung, insbesondere die Wissenschaft, dass Tierversuche in allen Gebieten auf das minimal nötige reduziert werden müssen und können. Alternative Forschungsmethoden können sicher den Einsatz von Tierversuchen auf ein Minimum beschränken. In den letzten 20 Jahren wurde dafür sehr viel geleistet. Unter anderem wird das konsequent eingeführte 3R-Prinzip (Replace, Reduce & Refine) weiter bei diesen Anstrengungen helfen.

Ein Totalverbot von Tierversuchen und klinischen Studien ist nicht nur radikal, sondern auch unreflektiert und realitätsfremd. Forschung und Entwicklung neuer Therapien und Präventionsmöglichkeiten werden verhindert und bestehende Therapien werden unterbunden – alles mit direkten und sehr schwerwiegenden Konsequenzen für das Wohlbefinden einer Bevölkerung und der durch das soziale Gewebe getragenen Wirtschaft. Die von Ihnen zitierte Meta-Forschung – wird sie breit und wissenschaftlich korrekt über alle vorliegenden entsprechenden wissenschaftlichen Arbeiten angewendet – zeigt klar das Gegenteil Ihrer Behauptung. Gezielte, ethisch gesicherte Tier- und klinische Versuche sind essenziell, um die komplexen Zusammenhänge in einem lebenden Organismus zu erkennen und neue Therapien zum Wohle unserer Gesellschaft – vor allem auch gerade für die vernachlässigten, armen Bevölkerungsgruppen – effizient und sicher bereitzustellen.

Ohne Tier- und klinische Versuche würde uns heute das Wissen zu vielen chronischen Erkrankungen wie Infektionskrankheiten fehlen. Die Impfstoffentwicklung in Zeiten der Corona-Pandemie ist gerade ein treffendes Beispiel dafür. Wie erläutert, ist die Wissenschaft selbst daran interessiert, Tierversuche auf ein Minimum zu beschränken. Ein totales Verbot von Tier- und klinischen Versuchen ist jedoch ethisch und moralisch verantwortungslos angesichts der zu bewältigenden Gesundheitsprobleme sowie nicht zielführend. Es würde uns in all unseren Anstrengungen für die Gesundheitsentwicklung und damit einer gerechteren Welt zurückwerfen.

Marcel Tanner, Präsident der Akademien der Wissenschaften Schweiz

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