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Horizons

«Unser Projekt ist einzigartig»

DOI: https://doi.org/10.4414/bms.2022.20473
Date de publication: 26.01.2022
Bull Med Suisses. 2022;103(04):126-127

Martin Fux

Leiter Business und Digital Development, Mitglied der Geschäftsleitung EMH

Das digitale Medizinmuseum Bern geht neue Wege. Es werden keine furchterregenden Instrumente vergangener Zeiten zur Schau gestellt, sondern der Dialog mit den Betrachtenden wird betont. So erzählt das Museum, das nur virtuell besucht werden kann, unter dem Motto «Medizin machen» kurze Geschichten. Videos geben Einblick in die abwechslungsreiche Geschichte der Medizin am Inselspital und regen gleichzeitig Fragen und Gedanken zur heutigen Medizin an.

Manuel Kaiser, Sie sind der Projektleiter des neuen digitalen Museums am Berner Inselspital. Die Idee für das digitale Medizinmuseum ist aus einer Notlage entstanden. Können Sie mehr darüber erzählen?

Ursprünglich war ein «klassisches» Museum zur Ausstellung der Medizinsammlung Inselspital geplant. Aus diversen Gründen wurde dieses mehrjährige Projekt aber kurzfristig angehalten. Als Alternativlösung hat man sich dazu entschieden, ein digitales Museum anzubieten. Dank der konzeptuellen und inhaltlichen Vorarbeit mussten wir nicht bei null anfangen. Wir haben versucht, die bestehenden Inhalte für das neue Medium zu adaptieren.

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Impflanzetten nach Jenner, o.J., Institut für Medizin­geschichte Bern, Inv.-Nr. 3975.

Bei dem Projekt handelt es sich um das erste rein digitale Museum der Schweiz. Wird das Museum auch künftig nur digital bleiben?

Heutzutage nutzen verschiedene Museen hybride Vermittlungsstrategien. Gewöhnlich begleiten digitale Inhalte jedoch bestehende Ausstellungen. Unser Projekt ist also insofern einzigartig, als es eine eigenständige digitale Ausstellung darstellt. Wir wollen uns allerdings in Zukunft nicht ausschliesslich auf den virtuellen Raum beschränken. Wir setzen uns dafür ein, dass wir bald Depotführungen anbieten können. Zudem wird die Medizinsammlung 2022 erstmals an der Museumsnacht Bern teilnehmen können. Denn es ist natürlich immer noch etwas anderes, wenn man die Ausstellungsexem­plare live und in voller Grösse bestaunen kann.

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Manuel Kaiser ist Leiter der Medizinsammlung Inselspital Bern.

Die Sammlung ist im Normalfall zwar nur digital zugänglich, es gibt sie aber auch physisch. Welcher Aufwand ist damit verbunden?

Das digitale Museum zeigt tatsächlich nur einen Teil der Sammlungsarbeit. Denn auch wenn die Objekte der Öffentlichkeit «nur» digital zugänglich sind, sind sie doch physisch vorhanden. Sie müssen inventarisiert, gelagert und gepflegt werden. Genau diese vielfältigen Aufgaben machen jedoch auch den Reiz der Arbeit aus.

Welche Herausforderungen mussten Sie meistern, um das Projekt zu realisieren?

Richtige Stolpersteine gab es zum Glück keine. Kleinere Probleme sind zwischendurch zwar aufgetaucht, diese waren aber immer gut und rasch lösbar. Zum Glück konnten wir auf eine ausgezeichnete Zusammenarbeit mit der Web-Agentur zählen, ein junges Team, welches uns flexibel und engagiert zur Seite stand. Vieles ist dadurch auch im Dialog entstanden, sozusagen ein Pingpong-Spiel zwischen Inhaltskonzept und technischer Umsetzung als agiles Projekt. Es war eine intensive Zeit. Bildredaktion, Konzept und Inhalt haben wir intern abgewickelt. Das Team hat diese Aufgaben trotz der zusätzlichen Belastung hervor­ragend gemeistert.

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Osteosynthese-Kurse in Davos, 1960, AO Foundation Archive.

An wen richtet sich das Museum?

Die Definition der Zielgruppe war in der Tat nicht einfach. Wir haben uns nach langen Gesprächen dazu entschieden, dass das medizinische Fachpersonal nicht die Hauptgruppe sein sollte, sondern eine breitere Öffentlichkeit. Deshalb betreiben wir momentan zur Unterstützung des Livegangs auch eine intensive Social-Media-Kampagne inklusive aufwendiger Videoproduktion mit dem klaren Ziel des Aufbaus einer Community. Für die Zukunft können natürlich auch noch gezielt weitere Gruppen angesprochen werden; etwa Schülerinnen und Schüler oder Auszubildende in Gesundheitsberufen.

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Catgut, um 1950, Institut für Medizingeschichte Bern, Inv.-Nr. 3522.

Gab es bereits konkrete Rückmeldungen nach dem Go-Live? Wie kommt das Projekt in der Community respektive der Öffentlichkeit an?

Diverse Ärztinnen, Ärzte und Pflegende haben schon positive Rückmeldungen zum digitalen Medizinmuseum gegeben, und auch auf Social Media ist das Interesse spürbar. Medizingeschichte interessierte viele Leute. Ich bin auch überzeugt davon, dass es in der Schweiz ein Publikum für ein medizinhistorisches Museum gäbe. Gerade die Pandemiesituation hat vor Augen geführt, wie zentral und gleichermassen umstritten medizinisches Wissen ist. Die Auseinandersetzung mit medizinischen Themen wie beispielsweise Impfungen und deren Geschichte ist wichtig, und das digitale Medizinmuseum ist ein guter Ansatz. Ein physischer Ort wäre natürlich wünschenswert, um über medizinische Themen nachzudenken. Genügend Objekte, anhand deren sich verschiedene Aspekte der Medizingeschichte erzählen liessen, wären in Sammlungen in Zürich, Lausanne, Basel oder Bern vorhanden.

Das digitale Museum und die Medizinische Sammlung

Das digitale Medizinmuseum wurde im Herbst 2021 eröffnet und ist das Erste seiner Art in der Schweiz. Zahlreiche Geräte, Instrumente und Objekte aus dem Spitalalltag erzählen ­unter dem Titel «Medizin machen» die Geschichte der praktischen, klinischen Medizin des 20. Jahrhunderts.

Die Exponate stammen aus der Medizinsammlung Inselspital Bern, die das Institut für Medizingeschichte der Universität Bern seit 1989 betreut. Die Sammlung gehört der Inselspital-Stiftung und umfasst rund 10 000 Exponate vor allem aus der Zeit seit 1900. Sie repräsentieren Tätigkeiten, Behandlungen, Erfindungen und Alltäglichkeiten des Spitalalltages. Dabei profitiert die Medizinsammlung von der engen Verbindung zwischen Inselspital und Universität Bern. So ist Prof. Hubert Steinke, Direktor des digitalen Medizinmuseums, auch der Lehrstuhlinhaber des Instituts für Medizingeschichte der Universität Bern.

Das digitale Medizinmuseum kann unter medizinsammlung.ch kostenlos besucht werden. Am 18. März 2022 öffnet das Museum im Rahmen der Berner Museumsnacht auch physisch seine Türen. Weitere Informationen unter www.museumsnacht-bern.ch

Crédits

zVg / Manuel Kaiser / digitales Medizinmuseum, Universität Bern

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