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Courrier / Communications

Verzögerungsmanöver zur angeordneten Psychotherapie (mit Replik)

DOI: https://doi.org/10.4414/bms.2022.20462
Date de publication: 26.01.2022
Bull Med Suisses. 2022;103(04):104

Dr. phil. Annie Berner-Hürbin, Dr. med. Jean Berner, Luzern

Dr. med. Fulvia Rota, Präsidentin der Schweizerischen Gesellschaft für Psychiatrie und Psychotherapie (SGPP)

Dr. med. Rafael Traber, Vizepräsident der SGPP

Nanda Samimi, Eidg. Dipl. Pharm. ETH, Vizepräsidentin der Swiss Mental Health Care (SMHC)

Prof. Dr. med. Erich Seifritz, Präsident der SMHC

Verzögerungsmanöver zur angeordneten Psychotherapie (mit Replik)

Brief zu: Rota F, Traber R, Samimi N, Seifritz E. Wechsel zum Anordnungsmodell: Es gibt noch viel zu tun. Schweiz Ärzteztg. 2021;102(51–52):1720–2.

Sehr geehrte Psychiaterinnen und Psychiater,

mit Befremden habe ich, seit Jahrzehnten delegierender Arzt für Psychotherapie, von Ihrer Forderung nach Hinausschieben der angeordneten Psychotherapie Kenntnis genommen. Wenn das BAG in Sachen Covid innert Tagen Entschlüsse treffen kann, ist es mir unverständlich, dass zur Überwindung der delegierten Psychotherapie über zehn Jahre vergangen sind. Die noch bestehenden Fragen anerkenne ich selbstverständlich, doch glaube ich nicht an eine unkontrollierte Mengenausweitung. Tatsächlich bleibt die Psychotherapie von einer ärztlichen Verordnung abhängig und ist im Verlauf durch ärztliche Berichte kontrolliert. Ich möchte nicht glauben, dass Ihre Forderung wirtschaftlich bedingt ist. Wir, meine psychotherapeutisch ­arbeitende Ehefrau und ich, TT SAPPM der ersten Stunde, rechnen fest mit einem Inkrafttreten im Sommer 2022.

Replik auf «Verzögerungsmanöver zur angeordneten Psychotherapie»

Bei diesem fundamentalen Systemwechsel ist es verantwortungslos und naiv, darauf abzustützen, was man selber glaubt oder nicht glaubt, ohne jegliche Faktenbasis oder ohne den Blick nach Deutschland, wo ein ähnlicher Systemwechsel vor über 20 Jahren vollzogen wurde (siehe dazu unsere Replik auf «Anordnungsmodell: ein illusionärer Dunst»). Die Mengenausweitung ist auch nicht per se das Problem, sofern es dem effektiven Versorgungsbedarf dient. Ein niederschwelliger Zugang zur Psychotherapie ist grundsätzlich zu begrüssen, wenn dadurch Chronifizierungen oder eine Verschlechterung der Erkrankung vermieden werden können. Aber wie wir in unserem Beitrag «Anordnungsmodell: Es gibt noch viel zu tun» deutlich aufgezeigt haben, ist die Zeitspanne für diesen Systemwechsel zu kurz angesetzt. Er ist unausgegoren, mit zahlreichen offenen Fragen in Bezug auf Versorgung, Sicherheit, Qualität und Kostenentwicklung. Darum wird es zwangsläufig zu Fehlanreizen und zur Risikoselektion kommen. Was Sie als Verzögerungsmanöver interpretieren – als würden wir daraus irgend­einen Nutzen ziehen –, ist nichts anderes als eine berechtigte Sorge, dass sich die heutigen Engpässe verschlimmern und damit die Ziele verfehlt werden. Wir erinnern daran, dass der Bundesrat explizit betonte, mit diesem Systemwechsel die Versorgung in der Kinder- und Jugendpsychiatrie, in Krisen- und Notfallsituationen in Randregionen sowie bei Menschen mit schweren psychischen Erkrankungen verbessern zu wollen. Es ist für uns bis heute nicht nachvollziehbar, wie das funktionieren soll, da dieser Systemwechsel los­gekoppelt von einer bedarfsgerechten Steuerung beschlossen und dafür eine sehr kurze Zeitspanne vorgesehen wurde. Massgebend für diese Zeitspanne ist im Übrigen nicht, wie Sie schreiben, seit wann die delegierte Psychotherapie «überwunden» werden soll, sondern wann sich die Behörden an die entsprechenden Arbeiten gemacht haben.

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