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Horizons

Von der «Arztgehilfin» zur Medizinischen Praxisassistentin

Eine persönliche Zeitreise

DOI: https://doi.org/10.4414/bms.2022.20390
Date de publication: 02.02.2022
Bull Med Suisses. 2022;103(05):160-162

Felix Schürch

Dr. med., Facharzt für Allgemeine Innere Medizin, Zürich

«Hausarzt» und «Medizinische Praxisassistentin» (MPA) gehören zusammen wie «Adam und Eva» oder «Max und Moritz». Ein persönlich gefärbter Rückblick auf die vergangenen sechzig Jahre resümiert die Entwicklungen und Veränderungen, welche diese Berufe neben- und miteinander durchgemacht haben. Und wirft ganz nebenbei einen Blick auf drei Seuchen.

Ich kam in einem Bauerndorf im Luzernischen auf die Welt. Meine Grosseltern, Tanten und Onkel gehörten zum Bauernstand. Mein Vater führte einen «Kolonialwarenladen» mitten im Dorf gerade gegenüber der Dorfkäserei. Damals – vor gut 60 Jahren – brachten die Bauern jeden Morgen und Abend die Milch in die Käserei und machten dann ein paar Einkäufe in Vaters Lebensmittelladen. Es war eine idyllische Kindheit.

Aber nicht nur: Ich ging in die fünfte Klasse, als in einigen Ställen die Maul- und Klauenseuche grassierte. Der Viehbestand eines Nachbarn wurde abtransportiert, und ich sah, wie der Bauer, der daneben stand, gegen die Tränen in den Augen ankämpfte. Ich wusste fortan, was eine Seuche ist, und hatte bereits als Schulbub einen neuen Begriff in meinem Wortschatz: Quarantäne.

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Vor 60 Jahren brachten die Bauern jeden Morgen und Abend die Milch in die Käserei.

Dr. Fuchs und seine «Arztgehilfin»

Für die ganze Talschaft gab es einen Arzt: Dr. Fuchs. Er war zusammen mit der Hebamme im Einsatz, als meine Mutter mich zur Welt brachte. Er versorgte einen Knochenbruch, den ich mir bei einem Sturz mit dem Velo zugezogen hatte. Er zog einen schmerzenden Milchzahn – dank einer kurzen Äthernarkose spürte ich nichts davon. Er war Schularzt und verpasste uns Schulkindern die Impfungen in seiner Praxis.

Der Hausarzt meiner Kinder- und Jugendjahre hatte eine Arztgehilfin: seine Ehefrau. Die Mitarbeit der «Frau Doktor» im Betrieb des Ehemannes war damals keine Seltenheit. Davon berichten die Historikerinnen Elisabeth Joris und Heidi Witzig in Brave Frauen, aufmüpfige Weiber. Sie zitieren einen Nachruf aus dem Jahre 1927. Darin wird der unermüdliche Einsatz der verstorbenen Ida Keller-Schoch in der Hausarztpraxis geschildert, den sie unmittelbar nach ihrer Heirat mit dem Dorfarzt geleistet hatte: «Sofort begann die Entschlafene das zu sein was sie immer wieder besonders ausgezeichnet: Eine treffliche Stütze ihres Mannes auch in seinem Amte. Man darf mit gutem Gewissen sagen: Sie war eine Doktorsfrau von Gottes Gnaden. Auch äusserlich besass sie hierfür grosses Geschick und reiche Gabe. Wie oft hat sie, wenn der Gatte seiner ausgedehnten Praxis nachging, einen ersten guten Rat erteilt, ein erstes zweckentsprechendes, linderndes Mittel verabfolgt! Im Berufe eines Arztes gibt es viel äussere Dinge, die aber doch alle nötig sind. Die Entschlafene hat ihrem Manne hievon abgenommen, so viel sie konnte» [1]. Wo die Praxis nicht als reiner ­Familienbetrieb geführt werden konnte, kam der Arbeitsmarkt ins Spiel. Man wählte zum Beispiel im Inserateteil in der Schweizerischen Ärztezeitung ein «seriöses, gebildetes Fräulein» aus und stellte dieses als «Gehilfin» ein [2].

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Früher kam es häufig vor, dass die «Frau Doktor» in der Praxis ihres Mannes mithalf.

Erste Gehversuche als Hausarzt

Anfang der 1980er Jahre schrieb ich mich für das ­Medizinstudium an der Universität Zürich ein. Früh schon bekam ich Einblick in den Alltag der Hausarztpraxen – als Student, Unterassistent, Assistent sowie bei Praxisvertretungen. Die Mitarbeiterinnen in den Praxen waren nun nicht mehr eine «Frau Doktor», auch nicht eine «Schwester Berta» oder ein «Fräulein Zünd». Die Profis hiessen jetzt «Frau Amrein», «Frau Brunner» oder «Frau Zimmermann». Sie gaben mir Sicherheit und Support, als ich im Wahlstudienjahr die ersten Gehversuche in den Hausarztpraxen machte.

Ich war 1983 im dritten Studienjahr, als der Professor in der Mikrobiologie ganz begeistert von der raschen Entdeckung des Virus berichtete, welches Aids verursacht. Eine Impfung sei nun bloss noch eine Frage von ein paar wenigen Jahren. Die Impfung ist bis heute nicht gekommen. Im persönlichen und beruflichen Umfeld war ich damals jedoch häufig mit HIV und Aids konfrontiert – mit der Seuche Nummer zwei in meinem Leben. Und für die Beratung in der Sprechstunde (und den Privatgebrauch) etablierte sich ein neues Schlagwort in meinem Wortschatz: «Safer Sex».

Die MPA musste bei einer Terminanfrage für einen Aidstest alle ihre kommunikativen Fähigkeiten einsetzen und heikle Fragen stellen: Gab es eine Risikosituation? Wie ist der zeitliche Abstand? Sollte das Dafür und das Dawider nicht zuerst mit dem Arzt besprochen werden? Aids gab es auch im Zusammenhang mit dem intravenösen Drogengebrauch. Im Wartezimmer sassen Menschen mit Drogenproblemen. Die MPA war zuständig für die Abgabe von Methadon, die Urin­proben und den Zahlungseingang für die Arztrechnungen. Sie war für diese Menschen, die damals unter Dauerstress standen, eine zuverlässige und verständnisvolle Ansprechpartnerin.

Neue Ansprüche an die ­Hausarztpraxis

Wertvolle Fortschritte, fragwürdige Veränderungen und vorübergehende Moden sind in der Medizin eine Tatsache – spürbar auch im Arbeitsalltag der MPA und des Hausarztes. Bei der Antikoagulation beispielsweise kommt man weg von Marcoumar und Sintrom, die regelmässigen Kontrollen des Quick entfallen. Im Zeit­alter von «Dr. Google» ist die MPA nicht selten bei der Terminvereinbarung bereits mit einer hausgemachten Diagnose konfrontiert. Die Digitalisierung schreitet voran. Die leicht ausgefransten und immer dicker werdenden Krankengeschichten in Papierform stapeln sich neben dem Computer, auf dessen Festplatte sich wiederum die PDF-Dateien stapeln [3]. Die Spezialistinnen und Spezialisten bieten hochspezifische Untersuchungen an. Das Praxisteam übernimmt – ähnlich wie die Fluglotsen beim Flugverkehr – die Koordination für den geordneten Ablauf der Untersuchungen und Behandlungen. Gleichzeitig müssen die selten auftretenden, aber potenziell folgenschweren Notfälle rechtzeitig erkannt werden [4].

Einen fortwährenden Wandel gibt es auch in der Natur: Ein neues Virus taucht auf, und im Januar 2020 ­erklärt die Weltgesundheitsorganisation die Infektionen mit SARS-CoV-2 zur Pandemie. Mit dieser Seuche kommen wieder neue Worte in den Umlauf: «Safer Sex» wird abgelöst durch «Social Distancing». Schneller als gedacht bekommen die Hausarztpraxen in ­Zürich den Impfstoff, die MPA packen die Aufgabe an, und im Handumdrehen sind in unserer Praxis die ­Risikopersonen geimpft. Nach getaner Arbeit räumen die MPA die Praxis auf. Ich hole bei Azzurro Pizzas für die ganze Crew und im Coop eine Flasche Rotwein. Statt «Moderna» gibt es nun «Margherita» und zur Feier des Tages ein Glas «Staatsschreiber-Blauburgunder AOC Zürich».

«Arzthelferin» im Weltall

So titelte der Blick am 23. Februar 2021 in seiner Online-Ausgabe: Arzthelferin (29) soll mit SpaceX in den Weltraum fliegen. Im September machte die amerikanische «Arzthelferin» Hayley Arceneaux zusammen mit drei anderen Amateurastronauten den Ausflug ins All. Ob das wohl der Tourismus der Zukunft ist?

Eine grosse Zukunft hat auf jeden Fall der Beruf der MPA. Seit den 1990er Jahren ist die Ausbildung in das duale Berufsbildungssystem eingebunden und wird mit einem eidgenössischen Fähigkeitszeugnis abgeschlossen. Regelmässig bilden sich auch Männer zum MPA aus. Und 2015 erhielten die ersten 29 Medizinischen Praxiskoordinatorinnen (MPK) für ihre erfolgreiche Weiterbildung einen eidgenössischen Fachausweis. Als Experte hatte ich Einblick in das hohe Niveau dieser Weiterbildung.

Die Zukunft liegt in den Sternen

Die Zahl der Betriebe in der Landwirtschaft schrumpft, die Käserei in meinem Heimatdorf hat schon vor Jahren den Betrieb eingestellt. Unübersehbar ist auch das Lädelisterben. Früher gab es im Dorf noch vier Läden, seit mein Vater den Laden schliessen und ins Altersheim eintreten musste, gibt es nur noch einen.

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Heute arbeiten neben der MPA auch medizinische Praxiskoordinatorinnen und -koordinatoren in der Hausarztpraxis.

Die Arztpraxis von Dr. Fuchs existiert nicht mehr: Sein Nachfolger hat mit Kollegen zusammen eine Gruppenpraxis auf die Beine gestellt. Auf diese Weise kann langfristig die Grundversorgung für die ganze Region aufrechterhalten werden.

Und wie geht es mit meiner Einzelpraxis in Zürich weiter? Die Einzelpraxis liegt nicht im Trend, ja, sie gilt sogar als Auslaufmodell. In meinen Augen zu Unrecht: Im städtischen Umfeld lässt sich auch heute noch eine Einzelpraxis führen. Die Einzelpraxis kann den Patientinnen und Patienten eine vergleichsweise grosse Konstanz in der persönlichen Betreuung durch den Arzt oder die Ärztin und die MPA bieten [5]. Wer weiss, vielleicht gibt es irgendwann wieder eine Trendumkehr. Die Zukunft liegt in den Sternen …

Dieser Text basiert auf dem Referat «Der Hausarzt und die MPA», gehalten am 50. Davoser Kongress des SVA im Oktober 2021.

Crédits

Ferdy Bernet

Heritage Image Partnership Ltd / Alamy Stock Foto

Felix Schürch

Adresse de correspondance

felix.schurch[at]hin.ch

Literatur

1 Joris E, Witzig H. Brave Frauen, aufmüpfige Weiber. Wie sich die Industrialisierung auf Alltag und Lebenszusammenhänge von Frauen auswirkte (1820–1940). Zürich: Chronos; 1995, S. 205–7.

2 100 Jahre SÄZ. Gesucht Gräfin, Gehilfin, Dame. Auswahl von ­Inseraten in SÄZ. Schweiz Ärzteztg. 2020;101(45):1514–5.

3 Gassner M. Medizin und Alter – die Landarztpraxis zwischen ­analog und digital. Schweiz Ärzteztg. 2018;99(39):1336–8.

4 Schürch F. Notfälle in der Hausarztpraxis – Von Allergie bis ­Zeckenbiss. 2. Aufl. Bern: Hogrefe; 2018, S. 10–4.

5 Loeb P. Die Einzelpraxis – wirklich ein Auslaufmodell. ­PrimaryCare. 2013;13(10):174–6.

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