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Courrier / Communications

Stellungnahme zum Schultertrauma-Check

DOI: https://doi.org/10.4414/bms.2021.19831
Date de publication: 05.05.2021
Bull Med Suisses. 2021;102(18):614

Im Namen des Vorstands und der Expertengruppe Schulter swiss orthopaedics

Prof. Dr. med. Andreas Müller

Prof. Dr. med. Matthias Zumstein

Stellungnahme zum Schultertrauma-Check

Brief zu: Dubs L, Soltermann B, Brandenberg JE, 
Luchsinger P. Der Schultertrauma-Check. Schweiz Ärzteztg. 2021;102(9):324–6.

Die Expertengruppe Schulter und Ellenbogen von swiss orthopaedics, welche sich ohne ­jeg­liche persönlichen Interessen im Dienste der wissenschaftlichen Grundlage äussert, hat mit Überraschung von dem von den Herren Dubs, Brandenberg, et al. ausgearbeiteten Schultertrauma-Check (STC) Kenntnis genommen [1]. Dieser nicht validierte STC fasst die in der versicherungsmedizinischen Literatur genannten Kriterien zur Differenzierung zwischen einer traumatischen und degenerativen Schädigung der Rotatorenmanschette tabellarisch zusammen. Zugleich verleiht er den einzelnen Kriterien eine Gewichtung innerhalb der Gesamtbeurteilung.

Wir möchten festhalten, dass dieser STC in keiner Weise die Meinung von swiss ortho­paedics widerspiegelt. Der STC wurde von den Autoren im Alleingang, ohne Rücksprache mit der Expertengruppe respektive den Spezialisten in der Beurteilung der Erkrankungen und Verletzungen der Schulter und des Ellbogens unserer Fachgesellschaft, ausgearbeitet.

Er widerspricht der aktuellen Literatur in mehreren Punkten. Die wichtigsten beiden Aspekte wurden kurz mit einer wissenschaftlichen Analyse beurteilt.

– Es ist aus grossen Kohorten-Studien hinreichend bekannt, dass degenerative Rotatorenmanschettenrupturen im Alter zwischen 40 und 50 Jahren eine Seltenheit darstellen. Die Prävalenz ist geringer als 11% [2–4]. Demgegenüber wird im STC das Patientenalter ab 40 Jahren als Kriterium für eine degenerative Ätiologie einer Rotatorenmanschettenruptur genannt.

– Zweitens führt der STC Schädigungs­mechanismen als starke Kriterien auf, ­anhand derer degenerative von trauma­tischen Rotatorenmanschettenrupturen differenziert werden können. Dabei werden das direkte Trauma und der Sturz auf die ausgestreckte Hand, respektive den Ellbo­gen, als ungeeignete Mechanismen für eine traumatische Schädigung der Rotatoren­manschette aufgeführt. swiss ortho­paedics hat in einer Stellungnahme an das Bundesgericht [5] anhand der aktuellen Literatur dargelegt, dass das direkte Trauma gegen den Schultergürtel sehr wohl ein möglicher Schädigungsmechanismus der Rotatorenmanschette darstellen kann. Der entgegengesetzten Aussage des STC liegt keine evidenzbasierte Literatur zugrunde, die über mehr als 20 Jahre alte, sich selbst zitierende Expertenmeinungen ohne Originalarbeiten hinausgeht. Des Weiteren hat ein Mitglied der Expertengruppe Schulter und Ellenbogen anhand einer ­systematischen Literatursuche darlegen können, dass Stürze auf den Ellbogen oder auf die Hand ebenfalls zu traumatischen Schädigungen der Rotatorenmanschette führen können [6]. Während diese aktuelle Arbeit in einem peer reviewed internationalen Journal publiziert wurde, ist uns keine evidenzbasierte Literaturstelle bekannt, welche die entgegengesetzte Darstellung des STC unterstützt.

Aufgrund der fehlenden wissenschaftlichen Grundlage und der nicht objektiven Beurteilung der Sachlage lehnt swiss orthopaedics diesen Schultertrauma-Check ab, distanziert sich als Fachgesellschaft in aller Form von der Aussage der Autoren und empfiehlt dringend, diesen für die Beurteilung versicherungsmedizinischer Sachverhalte nicht zu verwenden.

Literatur

1 Dubs L, Soltermann B, Brandenberg JE, Luchsinger P. Schweiz Ärzteztg. 2021;102(9):324–6.

2 Moosmayer S, Smith HJ, Tariq R, Larmo A. Prevalence and characteristics of asymptomatic tears of the rotator cuff: an ultrasonographic and clinical study. J Bone Joint Surg Br. 2009 Feb;91(2):196–200. doi: 10.1302/0301-620X.91B2.21069. PMID: 19190053

3 Yamamoto A, Takagishi K, Osawa T, Yanagawa T, Nakajima D, Shitara H, Kobayashi T. Prevalence and risk factors of a rotator cuff tear in the general pop­ulation. J Shoulder Elbow Surg. 2010 Jan;19(1):116–20. doi: 10.1016/j.jse.2009.04.006. PMID: 19540777.

4 Liem D, Buschmann VE, Schmidt C, Gosheger G, Vogler T, Schulte TL, Balke M. The prevalence of ­rotator cuff tears: is the contralateral shoulder at risk? Am J Sports Med. 2014 Apr;42(4):826–30. doi: 10.1177/0363546513519324. Epub 2014 Feb 5. PMID: 24500916

5 Jost B, Müller AM, Zumstein M, Stellungnahme ­BG-Urteil vom 22.10.2019 8C_446/2019.

6 Nyffeler RW, Schenk N, Bissig P. Can a simple fall cause a rotator cuff tear? Literature review and biomechanical considerations. Int Orthop. 2021 Mar 27. doi: 10.1007/s00264-021-05012-6. Epub ahead of print. PMID: 33774700

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