Courrier / Communications

Vom Dolmetschen

DOI: https://doi.org/10.4414/bms.2020.19422
Date de publication: 02.12.2020
Bull Med Suisses. 2020;101(49):1649

Dr. med. Reto Gross, Altstätten

Vom Dolmetschen

Brief zu: Mueller F. Sprachbarrieren in der ärztlichen Konsultation. Schweiz Ärzteztg. 2020;101(47):1586–8.

Fremdsprachlichkeit hat im heutigen ärzt­lichen Alltag einen festen Platz, vielen Dank für diesen interessanten Artikel. Glücklich ist in diesem Zusammenhang jener Arzt, der in einem mehrsprachigen Milieu aufgewachsen und so schon früh damit vertraut ist, dass man – fast – alles und das Gleiche auch mit anderen, «fremden» Worten ausdrücken kann, dass solches manchmal recht schwierig sein kann, aber auch, dass, wenn es erfolgreich gelingt, sich ein befreiendes Gefühl einstellt.

Ich schreibe dies als inzwischen pensionierter Hausarzt mit jahrzehntelanger Erfahrung im Umgang mit fremdsprachigen Patienten. Ich machte dabei auch die ermutigende Erfahrung, dass man nicht nur als junger Mensch sich fremdsprachlich weiterentwickeln kann.

Hausarztmedizin sah ich stets als eine Synthese aus Wissenschaft und Pragmatismus, das Gleiche gilt für den Umgang mit fremden Sprachen. In meiner ärztlichen Tätigkeit als Gefängnisarzt und Hausarzt eines Asylzen­trums war dies eine der vielen besonderen ärztlichen Herausforderungen, für die es – auch das sei hier deutlich gesagt! – keine Tarif­position gibt.

Dabei merkte ich bald, dass Übersetzer auch nur Menschen sind und die Hilfe eines professionellen Übersetzers sich wesentlich vom Beizug eines pragmatisch herbeigerufenen Bilingualen unterscheidet. Nur fehlten in der Regel die professionellen Übersetzer ...

In meiner Verlegenheit entdeckte ich in den letzten Jahren meiner Praxistätigkeit eine pragmatische Hilfe im Internet: «Google-Translate». Allerdings sind für den produktiven ­Einsatz dieses Tools gute Englischkenntnisse Voraussetzung, die Muttersprache von «Google-­Translate» scheint offensichtlich Englisch zu sein. Auf Deutsch hat es schlecht funktioniert.

Beim verantwortungsvollen Einsatz dieses Tools entwickelt jeder seine persönliche Technik, die auch mit seinem eigenen diagnostischen Vorgehen konstruktiv korrespondiert (z.B. kurze Sätze, Ja/Nein-Antworten, Zahlen usw.). Schliesslich kann man den fremdsprachlichen Text auch wieder rückübersetzen und so kontrollieren. Schwieriger wird es allerdings, wenn der Patient weder schreiben noch lesen kann, dann braucht es eine entsprechende Hilfsperson, und wir haben wieder das Phänomen des Menschlichen/Allzumenschlichen und die Unmittelbarkeit der Arzt/Patienten-Begegnung geht verloren.

Wenn dann über das Gesicht des Patienten ein Lächeln huscht, weil er sich verstanden fühlt, freut sich auch der Arzt, obwohl er die Schrift im exotischen «Krüzlistich» auf dem Bildschirm nicht interpretieren kann ...

Dieses Vorgehen mag sehr zeitaufwändig erscheinen, aber auch hier gilt es eine Lernkurve zu bewältigen und es eignet sich natürlich nicht für alle Fälle.

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