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Courrier / Communications

care – cure – controlling – cash – crash

DOI: https://doi.org/10.4414/bms.2020.19373
Date de publication: 18.11.2020
Bull Med Suisses. 2020;101(47):1570

Bernhard Gurtner, Wetzikon

care – cure – controlling – cash – crash

Brief zu: Capaul R, Brack T, Aujesky D. Medizin und Ökonomie. Schweiz Ärzteztg. 2020;101(44):1450.

Als medizinischer Chefarzt habe ich in einem Regionalspital noch im letzten Jahrhundert während gut 25 Jahren mit sehr unterschiedlich agierenden Verwaltern, Direktoren und Präsidenten zusammengearbeitet. Am besten bewährte sich ein Dreibein für die Spitalführung mit Gleichberechtigung der ärztlichen, administrativen und pflegerischen Leitung in diesem Gremium.

Als Assistenzärzte hatten wir keine Ahnung, welche Kosten wir im Labor durch unser Ankreuzen auf den farbigen Untersuchungsaufträgen verursachten. Wir verordneten Medikamente, deren Preise uns unbekannt waren. Wie viel verlangt wurde für bildgebende Verfahren, Narkosen, OP und IPS erstaunte uns erst, wenn wir selbst oder unsere Angehörigen die Rechnungen erhielten.

Wir kümmerten uns in der Aus- und Weiterbildungszeit zu wenig um die finanziellen Folgen unseres Tuns und wurden erst als Kaderärzte oder in der eigenen Praxis mit der Sprache, den Konzepten und der Macht der ­Ökonomen konfrontiert. Die Kranken wurden Kunden, die Spitalführung mutierte zur Geschäftsleitung, das gemeinnützige Kreis­spital zur gewinnorientierten Aktiengesellschaft.

Jüngere Kollegen und Kolleginnen befähigten und schmückten sich mit MBA oder anderen karrierefördernden Titeln. Sie konnten dennoch nur selten verhindern, dass nicht-ärzt­liche Manager die alleinige Führung an sich rissen. Die Spitalwelt entwickelte sich von care und cure zu controllingandcash und ­endet nun im crash.

Fachlich ausgezeichnete Verantwortliche für das medizinische Angebot – es heisst jetzt Kerngeschäft – werden gefeuert, sobald sie dem gewinnorientierten Konzept im Wege stehen. Andererseits können fragwürdige Operateure jahrelang Spitzenpositionen besetzen, weil es für das Unternehmen lukrativ ist. So oder so gelangen Chefärzte und Chefärztinnen in die Schlagzeilen. Herrgötter in Weiss werden vom Sockel gestürzt, falls der nicht schon zuvor zum Fussschemel für «normale Angestellte» erniedrigt worden ist.

Die Schweizerische Gesellschaft für Allgemeine Innere Medizin (SGAIM) und der Verein internistischer Chef- und Kaderärzte (ICKS) haben in der Medienmitteilungen auf die erzwungene Kündigung einer Chefärztin in Uster und auf die fristlose Entlassung eines ebenso beliebten Chefarztes in Bülach reagiert.

Sehr beherzigenswert das Schlusswort:

«Wir sind der Meinung, dass solche Machtdemonstrationen von Spitaldirektionen gegen ärztliche Vertreter nur Verlierer hinterlassen und den immer grösser werdenden Graben zwischen Kerngeschäft und Administration weiter vertiefen. In dieser Hinsicht appellieren wir an alle Stakeholder, auch in schwierigen Situationen besonnen vorzugehen. Wir alle sind angehalten, unsere Vorbildfunktion helvetischen Gepflogenheiten und nicht Wild-West-Manieren anzugleichen. Wir stehen ein für einen partizipativen und kooperativen Führungsstil, welcher nach wie vor deutlich mehr verspricht als Top-down-Entscheide.»

Der CEO in Bülach ist zugleich Präsident der Schweizerischen Vereinigung aller Spitaldirektorinnen und Spitaldirektoren SVS. Der Präsident des Verwaltungsrats der Spital Bülach AG ist auch Präsident des Verbands Zürcher Krankenhäuser VZK. So sind sich beide führenden Herren gegenseitig untertan oder vorgesetzt. Sie könnten als erfahrenes Zweiergespann grosse Anerkennung erwerben, wenn es ihnen gelänge, aus dem Bülacher Desaster heilsame Lehren für das Krisenmanagement zu ziehen und mit der SVS für die ganze Schweiz einen Code of Conduct zu propa­gieren.

Saulus ist auch erst als Paulus in die Heils­geschichte eingegangen.

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