Horizons

… Anne Lévy, neue Direktorin des Bundesamts für Gesundheit BAG

«Die Unsicherheit ist zurzeit die einzige Sicherheit»

DOI: https://doi.org/10.4414/bms.2020.19322
Date de publication: 28.10.2020
Bull Med Suisses. 2020;101(44):1478-1480

Daniel Lüthi

Freier Journalist und Fotograf, Medientrainer, Bern

Zur Person

Lic. sc. pol. Anne Lévy wurde 1971 in Bern geboren. Nach der Matura Typus B in Basel studierte sie politische Wissenschaften an der Universität Lausanne. 1996/97 war sie als Stagiaire bei der ­Direktion für Entwicklung und Zusammenarbeit DEZA tätig. 1997 bis 2000 ­arbeitete sie als Sachbearbeiterin für Drogenfragen bei der Stadt Bern, 2001 bis 2004 ein erstes Mal beim BAG im Bereich Sucht. 2004 bis 2009 war sie beim BAG Leiterin der Sektion Tabak und Alkohol. 2008 bis 2011 erarbeitete sie sich einen MBA in Nonprofit-Organisations­management an der Universität Freiburg. 2009 bis 2015 leitete sie im Gesundheitsdepartement Basel-Stadt den Bereich Gesundheitsschutz, 2015 bis August 2020 war sie CEO der Universitären Psychiatrischen Kliniken Basel. Seit 1. Oktober ist sie Direktorin des Bundesamts für Gesundheit BAG. Anne Lévy lebt mit ihrem Ehemann in Bern.

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«Das Coronavirus ist noch da»: Der leuchtend gelbe ­Kleber an der Eingangstüre zum «Campus Liebefeld» lanciert das Hauptthema dieser Begegnung gleich zu Beginn. Seit rund einer Woche erst ist die neue Direktorin des Bundesamts für Gesundheit offiziell im Amt, und sehr bald bestätigt sie: «Corona, Corona, ­Corona, beziehungsweise Covid, Covid, Covid: Das ist mein und unser Hauptthema – und dies wohl noch lange.»

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Krisenmanagement

Im Büro von Anne Lévy sind Nägel in den Wänden zu erkennen, neue Bilder fehlen noch. Einer der wenigen Farbtupfer im kargen Interieur ist der Futternapf von Hündin Nöfä, der neben dem eher funktionalen als schönen Besprechungstisch steht. Heute musste der italienische Trüffelhund zu Hause bleiben, weil Anne Lévy für eine Rede noch nach Lausanne reisen muss.

Wir sprechen kurz über Bob Dylan, der am gleichen Tag Geburtstag hat – und schon sind wir wieder beim Thema dieser Tage, Wochen und Monate: Corona. «Wir gingen von einer kürzeren Krise aus, jetzt rechnen wir mit einem Jahr oder zwei», sagt Lévy. Und es wird klar, dass Planen und Organisieren Schwerpunkte sind in ihrem beruflichen Leben, Hauptinteressen, Stärken.
Den Vertrag, der sie zur Nachfolgerin von Pascal Strupler machte, unterschrieb sie im April, mitten im Lockdown. «Ich hätte diesen Job auch ohne Corona gewollt und angenommen», erklärt sie, aber die Krise macht ihn noch interessanter, schwingt mit. «Politische Systeme und Management haben mich immer interessiert. Ich will gestalten, führen und Verantwortung übernehmen.»

Daniel Koch, «Mister Corona», war schon weg, als sie kam. Stefan Kuster, sein Nachfolger als Chef der so wichtigen Abteilung für übertragbare Krankheiten, kündigte seine Stelle noch vor Lévys offiziellem Amtsantritt. Krisenmodus also von Anfang an, auch auf personeller Ebene. Die neue Direktorin reagierte schnell: «Ich realisierte, dass viele erschöpft waren, als ich kam. Einige Mitarbeitende hatten während Monaten sieben Tage die Woche gearbeitet. Sie mussten rasch wieder zu Kräften kommen.» Fünftage-­woche und mehr Leute auf Management-Stufe waren die ersten Massnahmen der neuen BAG-Direktorin. «So sind wir froh, dass wir die Ethnologin Christine Kopp vom Schweizerischen Roten Kreuz als Leiterin unseres Corona-Krisenmanagements gewinnen konnten.»

Kommunikation

Von den rund 600 BAG-Mitarbeitenden sind rund 100 direkt mit der Bewältigung der Corona-Krise beschäftigt, dazu kommt Verstärkung aus anderen Bundes­ämtern wie demjenigen für Statistik. Gegen aussen sind es neu drei Fachleute, die das Thema vertreten: die Infektiologin Virginie Masserey, der Epidemiologe Patrick Mathys – «und Stefan Kuster, der uns als Infektiologe erhalten bleibt».

Mit der kurzen Amtszeit von Kuster sind unter anderem einige Kommunikationspannen verbunden. Falsche Zahlen zu den Corona-Ansteckungsorten (Bars, Clubs und Restaurants versus familiäres Umfeld) oder der fälschlich vermeldete Tod eines jungen Mannes seien als Beispiele genannt. Anne Lévy kommentiert das zentrale Thema Kommunikation so: «Wir nehmen es ernst, wenn gegen aussen unsere Wirkung die ist, dass wir nicht klar sind. Wir wollen so klar sein wie möglich. Klar ist aber auch, dass das, was wir bezüglich dieser Pandemie heute sagen, morgen schon wieder anders sein kann. Die Unsicherheit ist zurzeit die einzige Sicherheit.»

Massnahmen

Was bedeutet dies konkret? Und wie soll es weitergehen? «Wir müssen gut beobachten und analysieren. Wie entwickeln sich die Zahlen? Die Infektionen, Hospitalisationen, Tests, Clusters, Altersgruppen? Zum Glück wissen wir schon viel mehr als zu Beginn der Pandemie. Dass die Verantwortung heute bei den Kantonen liegt, ist richtig, die Infektionszahlen sind regional ja unterschiedlich. Ziel ist, dass wir verordnete Massnahmen eher immer weiter lockern können als verschärfen zu müssen.» Und ein zweiter Lockdown? «Wie gesagt: Nichts ist ausgeschlossen zurzeit, aber wir wollen das unbedingt verhindern.»

Diskutieren wir das Thema Massnahmen etwas konkreter. Zum Beispiel: Stimmt es, dass es bereits wieder Engpässe bei den Covid-Tests gibt? Antwort: «Im Moment haben wir genug Tests in der Schweiz. Aber wir sind daran, mehr PRC-Tests zu beschaffen. Und die Schnelltests werden aktuell vom Referenzlabor Genf evaluiert.»

Und wie ist die Situation bei den Masken? Antwort: «Es gibt in der Schweiz genug gute Masken. Sie tragen dazu bei, die Verbreitung des Virus zu stoppen. Aber: Sie schützen vor allem andere Personen, nicht uns selbst. Weiterhin besonders wichtig sind deshalb Abstand und Händehygiene. Masken sind dort zu tragen, wo der Abstand nicht eingehalten werden kann.»

Stichwort «Contact Tracing»: «Wenn es darum geht, ­Infektionsketten zu unterbrechen, ist dieses Instrument extrem wirksam. Verantwortlich sind die Kantone, und es läuft gut.»

Covid-App: «Wir wünschen uns, dass mehr Leute diese App herunterladen.»

Und schliesslich das Thema «impfen»: «Einen ersten Vertrag für eine Covid-Impfung haben wir abgeschlossen, weitere Verträge verhandeln wir zurzeit.»

Womit wir bei einem anderen zentralen Thema von Anne Lévy sind: Solidarität.

Gesundheitsrisiken

«Was nützt es in Zeiten der Globalisierung, wenn die Schweiz durchgeimpft ist, das Ausland aber nicht?», fragt die neue BAG-Direktorin rhetorisch. Und sie spricht damit Fragen an, die sie seinerzeit schon als Praktikantin bei der Direktion für Entwicklung und Zusammenarbeit beschäftigt hatten. «Das grösste Gesundheitsrisiko auf dieser Welt ist die Armut», sagt Anne Lévy, und sie meint damit durchaus auch die Schweiz – auch wenn klar ist, auf welch hohem Niveau wir jetzt diskutieren. «In unserem hochstehenden, vorbildhaften Gesundheitssystem geht es ebenfalls darum, Ungleichheiten zu beseitigen», betont Lévy. Einen parteipolitischen Hintergrund habe diese Aussage nicht, die Prävention liege ihr seit jeher besonders am Herzen. «Wer ärmer ist, ist kränker: Dies gilt auch in der Schweiz. Tabakkonsum und problematischen Alkoholkonsum müssen wir mit wirksamer Prävention bekämpfen, das können beim Tabak auch Preiserhöhungen sein, wir müssen uns aber auch für eine gesündere Umwelt mit weniger Lärm und geringerer Feinstaubbelastung einsetzen.»

Ein Gesundheitssystem mit hohen Standards und Qualitätsansprüchen kostet. Und diese Kosten kommen an Grenzen, das bestreitet die neue BAG-Direktorin keineswegs. Wo aber den Hebel ansetzen? «Nach meinen ersten 100 Tagen im Amt werde ich dazu sicher mehr sagen können», sagt Lévy jetzt, nach acht Tagen im Amt. Ansetzen bei den Ärztinnen und Ärzten? Umverteilen zwischen Spezialisten und Grundversorgern? «Bei den Honoraren übertreiben es sicher einige, das bestätigt ja auch die FMH», antwortet Lévy. Und: ­«Alles, was mit Steuergeldern finanziert wird, muss auch gut reguliert werden.» Und weiter, verständlicherweise immer noch relativ allgemein: «Ich glaube an eine integrierte Versorgung. Verschiedene Berufsgruppen müssen gut zusammenarbeiten. Auch ein Arzt kann nicht alles selber machen.»

Prioritäten

Mit dieser Haltung habe auch sie ihr Amt angetreten, sagt Lévy. «Ich bin nicht Spezialistin für alles und komme sicher nicht mit der Haltung hierher, dass ich alles besser weiss. Ich will Fachleute als Fachleute arbeiten lassen – möglichst breit und mit möglichst vielen Freiheiten.» Überprüfen wir diese Aussage bei der Medienverantwortlichen des BAG, die Wert darauf legte, dem Gespräch beizuwohnen. Ja, sagt sie, es gebe im Amt eine offenere Diskussionskultur. Evidence-based wäge man in Sitzungen Argumente ab und entscheide dann.

Um Corona allein kann es in diesen Sitzungen ja nicht gehen. Vorher gab es andere Themen, und jetzt gibt es sie doch sicher auch. «Wir müssen jetzt ganz stark Prioritäten setzen», stellt Anne Lévy fest. «Die Revision des Transplantationsgesetzes zum Beispiel ist im Moment etwas in den Hintergrund geraten. Bei der Kostendämpfung müssen wir sicher kontinuierlich dran­bleiben. Und ganz sicher will ich im Bereich Digitalisierung vorwärtskommen.» Ein «guichet administratif» schwebe ihr vor, ein elektronischer Schalter des BAG für Gesundheitsthemen. Und das elektronische Patientendossier: «Da müssen wir hinkommen, unbedingt.»

Normalität

Klarheit, gestützt auf vielfältige berufliche Erfahrungen, und die Vorsicht einer Newcomerin: Anne Lévy strahlt beides gleichzeitig aus. Woher bezieht sie ihre Energie für diesen exponierten Job? Geht sie um fünf Uhr morgens joggen? «Ja genau, und dann vor der ersten Sitzung noch schnell ein Brot backen», ergänzt sie lachend. «Nein, eine Superwoman bin ich sicher nicht, eher ziemlich normal», schmunzelt sie. «Vor 8 Uhr beginne ich eher ungern, dafür arbeite ich am Abend oft länger.» Eigentlich würde sie gerne ab und zu tanzen gehen oder mit Freundinnen und Freunden manchmal eine Party feiern. «Aber dies ist jetzt halt leider nicht möglich.» Ein kleines Opfer sei dies, betont sie, die Spaziergänge mit Hündin Nöfä würden sie für vieles entschädigen. «Zweimal pro Woche nehme ich mir vor, es zu schaffen und diese Spaziergänge über Mittag zu machen.»

Apropos «Prävention in eigener Sache»: Sich künftig wieder ausgewogener zu ernähren, nimmt sich die bald Fünfzigjährige auch vor. Fleisch gehört dazu, «aber es soll nicht immer nur schnell zwischendurch ein Sandwich sein».

Übrigens: Anne Lévys Trüffelhündin findet leider keine Trüffel. «Sehr bedauerlich», sagt die neue BAG-Direktorin beim Abschied mit einem Augenzwinkern. «Aber wir behalten sie trotzdem bei uns.»

Crédits

Fotos: Daniel Lüthi

Adresse de correspondance

dl[at]dlkommunikation.ch

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