Courrier / Communications

Wird in der Coronakrise das Älterwerden zu einer Krankheit?

DOI: https://doi.org/10.4414/bms.2020.18923
Date de publication: 03.06.2020
Bull Med Suisses. 2020;101(2324):747-748

Dr. med. Luzi Dubs, Winterthur

Wird in der Coronakrise das ­Älterwerden zu einer Krankheit?

Die Diskussion um die aktuelle Coronakrise umfasst nebst den Fragen nach der Morbidität, der Letalität, den gesundheitlichen, sozialen und ökonomischen Folgeschädigungen, der möglichen Dekompensation des Gesundheitswesens auch die Frage nach der Gesamtmortalität. Das Ausmass der zu treffenden Gegenmassnahmen hängt von der Virulenz des Angreifers einerseits, von der Resistenz des Schädigungsträgers anderseits ab. In Zeiten einer grossen Verunsicherung über das mögliche Ungleichgewicht zwischen Angriff und Abwehr wird letztere mit möglichst vielen Schutzmassnahmen aufgebaut, die den gewohnten Alltag volkswirtschaftlich und sozial folgenschwer einschränken. Es ist nachvollziehbar, dass bei unklarer Virulenz diesbezüglich alles unternommen wird, was möglich ist. Dazu gehört der weitgehend ­vollständige Schutz von Risikogruppen. Dass Personen mit Vorerkrankungen weit mehr ­gefährdet sind als Gesunde, ist sicher unbestritten. Wenn aber das Lebensalter als Kriterium der Schutzbedürftigkeit zur systematischen Quarantänisierung führen soll, muss dies klar begründet sein.

Der Risikofaktor Alter erscheint unter Experten und Politikern als relevant, um einen namhaften Anteil der Bevölkerung im Alter von über 65 Jahren zu isolieren. In der dynamisch instabilen Initialphase ist der Schutzbedarf der älteren Generation sicher ausgewiesen, auch wenn sich ein erheblicher Teil von Personen im Rentenalter genug resistent, altersentsprechend gesund und dadurch diskriminiert fühlt. Der jetzige Wissensstand erlaubt, den nicht beeinflussbaren Risikofaktor «Alter» kritischer zu würdigen.

Die Lebensversicherer verwenden Zahlengrundlagen, die Auskunft geben, wie gross in jedem Lebensjahr die Wahrscheinlichkeit ist, innert 10 Jahren zu sterben. An diesen müssen die Zahlen einer krankheitsspezifischen Mortalität in jeder Alterskategorie Mass nehmen. Am Beispiel der Osteoporose hat der Auto­r festgestellt, dass bei einer 80-jährigen Frau die Wahrscheinlichkeit, innert 10 Jahren zu sterben, sechs Mal höher ist als die Wahrscheinlichkeit, innert 10 Jahren einen Schenkelhalsbruch zu erleiden, derweil das Verhältnis bei einer 60-jährigen Frau ausgewogen ist. Mit dem Alter sinkt demnach die Bedeutung eines Schenkelhalsbruchs.

Die prozentualen Todesfallanteile («Verteilschlüssel») und die Mortalitätsraten wegen Covid-19-Infektionen pro Altersdekade können der entsprechenden Sterbewahrscheinlichkeit innert 10 Jahren pro Altersdekade gegenübergestellt werden. Die Zahlen zeigen eine sehr gut nachvollziehbare Kongruenz zwischen den Risiken der natürlichen Alterung und den Mortalitätsraten der Covid-erkrankten Bevölkerung. Das Alter ist also für das Verständnis der höheren Sterblichkeitsrate der gemeinsame Hintergrundsfaktor (Confounding) und nicht der Krankheitsauslöser.

Man kann durchaus postulieren, dass alles, was mit dem Alter sich verändert, immer gefährlicher wird. Wer graue Haare bekommt, lebt gefährlich, da ein klarer Zusammenhang zwischen der Ergrauung und der Sterblichkeit mühelos nachweisbar ist. Man hat sich aber nicht durchgerungen, deshalb bei älteren Personen die Haare wieder blond oder braun färben zu lassen.

Dem Wunsch der älteren Generation, nicht mehr aus dem Gesellschaftsleben ausgeschlossen zu sein, könnte mit gutem Gewissen entsprochen werden.

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