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Courrier / Communications

Morituri te salutant

DOI: https://doi.org/10.4414/bms.2020.18914
Date de publication: 06.05.2020
Bull Med Suisses. 2020;101(1920):639-640

Prof. Dr. Hanspeter E. Killer

Dr. Marianne Bruppacher

Morituri te salutant

Brief zu: Salathé M. Richtlinien für Triage bei Engpässen auf Intensivstationen. Schweiz Ärzteztg. 2020;101(15–16):536.

Das Alter per se ist kein Kriterium, das zur ­Anwendung gelangen darf. Es misst älteren Menschen weniger Wert bei als jüngeren und verletzt in diesem Sinne das verfassungsrechtlich verankerte Diskriminierungsverbot. Das Alter wird jedoch indirekt im Rahmen des Hauptkriteriums «kurzfristige Prognose» berücksichtigt, denn ältere Menschen leiden häufiger unter Co-Morbiditäten. Im Zusammenhang mit Covid-19 ist das Alter ein Risikofaktor für die Sterblichkeit und muss daher berücksichtigt werden.

Was will Frau Salathé mit diesem Text sagen? Dass das Alter kein Ausschlusskriterium für die Behandlung auf einer Intensivstation ist? Wenn ja, warum dann die Zusatzklausel … Das Alter wird jedoch … So formuliert jemand, der sich der dahinterstehenden Problematik möglicherweise bewusst ist, sie aber gerne nicht benennen möchte. Dass man Alte nicht diskriminieren darf (im Sinn eines weniger ­lebenswerten Lebens), ihnen aber aus andern – allerdings mit dem Alter assoziierten – Grün­den die Behandlung verweigert, scheint mir problematisch.

Wer bestimmt, welches Leben lebenswert ist? Wenn ich den Text nach einer Weile noch einmal durchgehe, dämmert es mir, dass hinter dieser unklaren, verschränkten Formulierung eine ziemlich eindeutige Altersdiskrimi­nation versteckt wurde. Nicht das Altern, ­sondern die Folgen davon dienen dabei als Diskriminationskriterium!

Für die IPS qualifiziere ich mit über 70 Jahren also möglicherweise nicht, nicht weil ich alt bin, sondern weil das Altern seine Spuren an mir hinterlassen hat. Aber wer wird denn ohne solche Spuren älter? Warum bloss, so frage ich mich, musste die Autorin das so juris­tisch verklausuliert formulieren? Aus Angst, dass sie angegriffen wird, selbst über lebenswertes oder weniger lebenswertes Leben entscheiden zu wollen, was juristisch verboten wäre (etwas linearer: alt = krank und krank = lebensunwert, oder einfach – wie zum Beispiel beim Thema der Organtransplan­tation – weil wir die Ressourcen nicht haben und nicht alle behandeln können. Warum nicht ehrlich?

Selbstverständlich ist das Altersdiskriminierung! Frau Salathé, das erinnert nicht nur uns an etwas. Nein, das kann es doch nicht sein, Frau Salathé, Sie arbeiten ja im Ressort Ethik, warum also nicht ehrlich und konzis?

In meiner Weltsicht gibt es Verdienste, welche Respekt und Dignität verdienen. Das Alter und die Erfolgschancen auf Heilung als einziges Kriterium zu wählen ist zu simplizistisch. Ich habe Freunde, die weit über 80 Jahre alt sind und immer noch ihre Beiträge leisten und sinnvolle Biographien zustande bringen. Alles potentielle Triageopfer?

Auch wenn es dadurch komplizierter wird, aber das Leben ist eher ein Aquarell als ein Holzschnitt und es ist mehr als eine Zahl auf der Geburtsurkunde. Ich ziehe es vor, gefragt zu werden, wer ich bin, und nicht – nur – wie alt ich bin. Ich denke, es wäre so aussagekräftiger.

Kämpfen wir dafür, dass diese Erkenntnis nicht ausstirbt und dass nicht eine Welt geschaffen wird, in der das Alter nur als Schande und Überfluss gesehen wird. Es graut mir, wenn ich daran denke, welches Weltbild im Kopf von Jungen bestärkt wird.

Empfohlene Lektüre zum Thema: Die Banalität des Bösen von Hannah Arendt.

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