Courrier / Communications

Gedanken zum Leserbrief von Kollege Max Schreier

DOI: https://doi.org/10.4414/bms.2020.18780
Date de publication: 25.03.2020
Bull Med Suisses. 2020;101(13):461-462

Dr. med. Jürg Dräyer, Wabern

Gedanken zum Leserbrief von Kollege Max Schreier

Brief zu: Schreier M. Die Erreichbarkeit des Hausarztes. Schweiz Ärzteztg. 2020;101(10):330.

Ich habe den Leserbrief von Kollege Max Schreier mit Interesse gelesen. Leider haben die guten Überlegungen bei folgendem Satz sehr viel an Glaubwürdigkeit verloren, weil sie auf einem offenbar völlig veralteten Rollenbild basieren. Im Zusammenhang mit Teilzeitarbeit schreibt er: «So fällt es namentlich für die wachsende Anzahl von Ärztinnen mit einem Teilzeitjob leichter, Beruf und Familie unter einen Hut zu bringen, und die männ­lichen Kollegen können sich vermehrt ihrer Familie und ihren Hobbys widmen». Haben denn Ärztinnen keine Hobbys? Anders ausgedrückt: Bei mir kommen die Hobbys viel zu kurz, da ich neben meiner Erwerbsarbeit als Arzt auch Familienarbeit mache, was natürlich auch Haushalten beinhaltet und nicht nur Qualitätszeit mit den Kindern.

Als Hausarzt hat mich der Aufruf zur Verfügbarkeit für die Patientinnen und Patienten sehr gefreut, weil ich genau das als eine wichtige Kernaufgabe von uns Hausärztinnen und -ärzten verstehe. Besonders für meine chronisch kranken Patienten, die ich regelmässig sehe und auch dementsprechend gut kenne, bin ich sehr niederschwellig erreichbar (Handy sei Dank). Ich bin auch davon überzeugt, dass man viel Geld sparen kann, wenn diese chronischen Patienten ihre Hausärzte zuerst konsultieren können, und sei es auch nur per Telefon ausserhalb der Praxisöffnungszeiten. Sehr viele solcher «Notfälle» lassen sich mit einem kurzen Gespräch soweit klären, dass die weitere Behandlung dann während den regulären Praxisöffnungszeiten weitergeführt werden kann.

Hingegen ist es für junge, sonst gesunde Pat­ienten viel unwichtiger, ob sie in einem Notfall «ihren» Hausarzt sehen oder irgendeinen Notfallarzt. Ich bin mit Kollege Schreier einig, dass diese Patienten nicht primär in einen Spitalnotfall gehen sollten. In der Zwischenzeit gibt es aber auch hier von Dienstkreis zu Dienstkreis verschiedene gute Lösungsansätze.

Eine wichtige Erkenntnis ist aber auch, dass sich nicht nur die Ärzte und ihre Be­dürfnisse in den letzten 50 Jahren verändert haben, sondern eben auch die der Patienten und deshalb Teilzeitarbeit in jedem Beruf als ­normal angesehen und auch akzeptiert wird, oder zumindest akzeptiert werden sollte. Es ist sicher wichtig, dass nicht alles Neue kritiklos akzeptiert wird. Allerdings tragen nos­talgische Geschichten von gemüt­lichen ­Abenden mit den Gattinnen, wie von Kollege Schreier beschrieben (offenbar gab es damals im Einzugsgebiet noch gar keine praktizierenden Ärztinnen) und eine gewisse Heroisierung von wochenlangen Notfalldiensten nicht zu einer sachlichen Problemlösung bei. Das Problem fairer Rollenaufteilung und Teilzeitarbeit betrifft alle Berufsgattungen, und wenn wir weiter diskutieren, führt es ­unweigerlich zu Themen wie Elternzeit (statt Mutterschaftsurlaub) oder gleicher Lohn für gleiche Arbeit.

Verpassen Sie keinen Artikel!

close