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Courrier / Communications

Gewalt gegen Jung und Alt

DOI: https://doi.org/10.4414/bms.2020.18683
Date de publication: 04.03.2020
Bull Med Suisses. 2020;101(10):330-331

Marc Girard und René Bloch, Therwil

Gewalt gegen Jung und Alt

Erst seit wenigen Jahren hat man erkannt, dass die Kirche oft ihre Schutzfunktion gegenüber jungen Menschen nicht erfülle, sondern Kinder häufig sexuell verführe und missbrauche. Jahrzehnte später wagen die Menschen, die als Kinder einmal missbraucht und bedroht worden sind, von lange verdrängten Erlebnissen zu berichten. Scham­gefühl und Angst haben sie bisher daran gehindert. Kindsmissbrauch ist in jedem Fall verwerflich, aber aus der viel verehrten Kirche stammend, besonders überraschend und traurig. Der heranwachsende Mensch bedarf einer Karenzzeit für die schwierige Entwicklung seiner geistigen und seelischen Funktionen, und vorzeitige sexuelle Betätigungen im Kinder­alter sind deshalb in der christlichen Kultur immer nie toleriert gewesen.

Zur gleichen Zeit mit der Aufdeckung von zahlreichen sexuellen Missbrauchsfällen in der Kirche hat die Zahl der alten Menschen, die zwar aus anderen Gründen, aber auch schutz- und oft pflegebedürftig sind, stark ­zugenommen. Diese Gruppe von alten Menschen erfordert zunehmend Beachtung und Fürsorge, da deren Leben verlängert, aber ihre jugendlichen Kräfte nicht erhalten werden können. Für die Angehörigen und die Öffentlichkeit ist dadurch eine grosse und edle Aufgabe entstanden. Gleichzeitig hat sich auch ein ganzer Industriezweig entwickelt, um den alten Menschen Alterskomfort zu bringen. Leider hört man immer mehr von Versuchen, von der Abhängigkeit alter Menschen Vorteile zu gewinnen, und deren Behandlung in spe­zialisierten Einrichtungen lässt oft zu wünschen übrig, nicht nur wegen des Personalmangels. Die Zuwendung und Fürsorge für alte Menschen hat in anderen Kulturen, z.B. in Asien, eine längere Tradition.

Die alten Menschen können sich wie Kinder oft nicht mehr wehren und werden so leicht zur Beute von schlecht orientierten Personen aus dem familiären und öffentlichen Umfeld. Vernachlässigung, grobe Behandlung und mangelnde Professionalität kommen überall täglich vor, ohne dass darüber geredet wird. Die bessere Überwachung der Altenbetreuung ist eine der wichtigsten politischen Aufgaben für heute und morgen, damit die alten Menschen die Betreuung und Zuwendung erfahren, die für unsere Kultur ebenso kennzeichnend ist wie der Schutz für den heranwachsenden jungen Menschen.

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