Horizons

Wie aus einem Notfalleinsatz ein Generationen-überschreitendes Hilfsprogramm wurde

30 Jahre pädiatrische ­Partnerschaft Schweiz–Armenien

DOI: https://doi.org/10.4414/bms.2020.18442
Date de publication: 15.01.2020
Bull Med Suisses. 2020;101(03):74-75

Hans Ulrich Bucher

Prof. em. Dr. med., Vorsitzender des Ausschusses Armenien-Projekt, Universitäts-Kinderspital Zürich – Eleonorenstiftung

Entwicklungshilfe soll in erster Linie wirksam und nachhaltig sein. Basierend auf seiner 20-jährigen Erfahrung mit einem pädiatrischen Hilfsprojekt in Armenien legte Ernst Leumann 2009 in der SÄZ dar, wo die Probleme und deren Auswirkungen liegen. Zehn Jahre später können wir nachweisen, dass diese Einschätzung und die daraus abgeleiteten Massnahmen zielführend waren. Diese Überlegungen ­können ein Wegweiser für andere medizinische Hilfsprojekte im Ausland sein.

Am 3. Oktober 2019 fand am Universitäts-Kinderspital Zürich ein Symposium zur 30-jährigen Partnerschaft mit der Pädiatrie in Armenien statt. Aus vielen Gesichtswinkeln wurde dargelegt, wie sich aus einem Notfalleinsatz nach einem schweren Erdbeben Ende 1988 ein ganzes Geflecht von Partnerschaften entwickelte. Nach der päd­iatrischen Nephrologie folgten nach und nach viele pädiatrische Subdisziplinen, meist etabliert durch einen Vertreter des Kinderspitals Zürich mit einem Partner in Eriwan.

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Erfolgsrezept

Der andauernde Erfolg trotz widriger Umstände ist vier Personen zu verdanken: Ernst Leumann als Kinderarzt und Christina Leumann als Lehrerin und Logopädin ­waren Seele und Wegweiser des Projektes. Sie hatten in Armenien im Kinderchirurgen Ara Babloyan und in Hasmik Tadevosyan kompetente und verlässliche Partner. Die vier förderten viele Einzelpersonen, die ihre eige­ne enge Partnerschaft aufbauten und unterhielten. In einem heute noch lesenswerten Artikel anlässlich des 20-Jahr-Jubiläums in der SÄZ geht Ernst Leumann den Ursachen dieses Erfolgs auf den Grund [1]. Mit guten Argumenten gelang es, eine erhebliche finanzielle Unterstützung durch Spenden, Stiftungen und den Lotteriefonds des Kantons Zürich zu bekommen.

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Die Pioniere Ernst und Christina Leumann und Hasmik Tadevosyan geben ihr Projekt nach 30 Jahren in jüngere Hände.

Leistungsausweis

Nebst den kleinen Schritten in (fast) jeder pädiatrischen Subspezialität konnten mehrere Meilensteine gesetzt werden: Ausgehend von akuter Dialyse wurden ein komplettes Nierenersatzprogramm, basierend auf Früherkennung und -behandlung von Nierenerkrankungen, entwickelt, eine Spitalschule gegründet und eine Tagesklinik für Behinderte gebaut, das Screening für Hypothyreose und Phenylketonurie bei Neugeborenen im ganzen Land inklusive Berg-Karabach eingeführt, neue Fächer wie die Entwicklungspädiatrie und regelmässige klinische Konsultationen via Internet etabliert und die Weiterbildung für Pädiater grund­legend erneuert.

Neue Herausforderungen

Nach 30 Jahren stehen die Weitergabe an eine jüngere Generation und die Formulierung neuer Ziele im Vordergrund. Zwar haben sich die materiellen Verhältnisse in Armenien gebessert. Nach wie vor sind jedoch noch verkrustete Machtverhältnisse und sowjetische Denkmuster spürbar. Die sanfte Revolution im Frühling 2018 hat vieles in Bewegung gebracht und viele Hoffnungen geweckt. Die Mittel für das Gesundheitswesen – insbesondere für die Kinder – sind immer noch zu knapp. Im Gegensatz zu früher kann sich die jüngste Ärztegeneration in Englisch gut verständigen und hat dank Internet Zugang zu einer Fülle von Informationen. Die Arbeitsbedingungen mit 24-Stunden-Präsenz und niedrigem Lohn werden jedoch immer weniger akzeptiert. Die besten Ärzte ziehen ins Ausland oder in neuster Zeit in Privatspitäler, die in Eriwan aus dem Boden schiessen.

Strategie für die Zukunft

Mit einer Mischung von multiplen persönlichen Kontakten zwischen Schweizern und Armeniern, der Vermittlung von Wissen und Können vor Ort und gezielter materieller Unterstützung werden junge Ärztinnen und Ärzte gefördert und damit die Gesundheitsversorgung in Armenien gestärkt.

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Die Schweiz und Armenien sind beides gebirgige Binnenländer mit christlicher Tradition.

Mehr Informationen: www.kispi.uzh.ch/armenien

Crédits

© Hans Ulrich Bucher

Adresse de correspondance

Prof. em. Dr. med.
Hans Ulrich Bucher
Armenien-Projekt
Universitäts-Kinderspital Zürich – Eleonorenstiftung
Steinwiesstrasse 75
CH-8032 Zürich
buh[at]usz.ch
Tel. 078 703 78 35
www.kispi.uzh.ch/armenien

Literatur

1 Leumann Ernst. 20 Jahre pädiatrischer Einsatz in Armenien. Schweiz Ärzteztg. 2008;89(49):2142–5.

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