Nachrufe

In memoriam Martin Vosseler (1948–2019)

DOI: https://doi.org/10.4414/bms.2019.18428
Date de publication: 27.11.2019
Bull Med Suisses. 2019;100(48):1610

Meine erste Begegnung mit Dr. med. Martin Vosseler liegt bald vierzig Jahre zurück. Er war eben aus einem Postdoc-Aufenthalt in den USA zurückgekehrt und hat uns Medizinstudenten in einem Hörsaal des Universitätsspitals über die atomare Bedrohung und die Folgen eines Atomschlags für die Menschen erzählt. Sein Tutor in den USA, Prof. Dr. med. B. Lown, hatte ihn für die Ärztinnen und Ärzte zur Verhütung des Atomkriegs (IPPNW) gewonnen, und er hat dieses «Feuer» in die Schweiz gebracht. Seine Überzeugungskraft, sein inneres Leuchten hat uns mit­gerissen. Zusammen mit vielen Kolleginnen und ­Kollegen hat er die Schweizer ­Sektion der IPPNW 1982 gegründet. Auf Friedenskongressen in Montreal, im Hotel Rossija in Moskau haben sich mit ihm mitten im Kalten Krieg tausende Ärztinnen und Ärzte für die Abschaffung der Atomwaffen eingesetzt und 1985 dafür den Friedensnobelpreis erhalten. Wir konnten gemeinsam mit dem Schiff im ­kalten Winter nach Oslo reisen und für die Schweizer Sektion den Nobelpreis vom norwegischen König empfangen. Bei einer Nobel­vorlesung der IPPNW-Co-­Präsidenten Evgeny Chasow und Bernard Lown an der Universität Oslo war die Stimmung angespannt. Plötzlich erlitt ein russischer TV-Journalist einen Herzstillstand, und die beiden ­Kardiologen Chasow und Lown konnten ihn erfolgreich reanimieren. Weltweit wurde dieses Ereignis als Zeichen für die Annäherung von Russland und den USA und die atomare Abrüstung wahrgenommen.

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Martin Vosseler

Dann kamen Tschernobyl, die Bedrohung durch die ­zivile Nutzung der Atomenergie, das Waldsterben, die Chemiekatastrophe in Schweizerhalle. In der Folge hat Martin Vosseler seine psychosomatische Arztpraxis aufgegeben und sich mit seiner ganzen Energie für den Umwelt- und Naturschutz eingesetzt. Er hat die Ärztinnen und Ärzte für den Umweltschutz mitgegründet, später die Stiftung SonneSchweiz und Sun21. 1988 hat er gemeinsam mit vier Ärztinnen und Ärzten den Sprung in den Grossen Rat des Kantons Basel-Stadt und in die Mühlen der Politik gewagt. Die Langsamkeit und Beschwerlichkeit der Politik hat er nicht ausgehalten, dafür war sein Feuer für die Umwelt zu intensiv, und er ist nach sechs Monaten wieder aus dem Grossen Rat ausgestiegen.

Mit Märschen quer durch ganz Amerika, von Basel nach Jerusalem und von Basel nach St. Petersburg hat er auf die Dringlichkeit der Abkehr von den fossilen und atomaren Energieträgern hin zu den erneuerbaren ­Energien aufmerksam gemacht. Kürzlich sagte er mir, dass er bald die ganze Welt zu Fuss umrundet hätte. Er hat für den Schutz der Wälder in Indonesien und gegen den Import von Tropenholz mit Bruno Manser auf dem Bundesplatz in Bern gefastet und gestrickt. Bundesrätin Ruth Dreifuss hat sie dort besucht. Für den Schutz der Landschaft in den Langen Erlen und gegen den Bau der Zollfrei­strasse hat er von 2004 bis 2006 beharrlich gekämpft. Ich erinnere mich an gemeinsame verschneite Winternächte im Zelt. Auch ein Hungerstreik konnte nicht verhindern, dass sie gebaut wurde. Das Bundesgericht hat alle Einsprachen abgewiesen. Danach ist er 2007 mit dem Solarboot von Basel nach New York gefahren, immer um für die erneuerbaren Energien zu werben.

Martin Vosseler war ein Pionier, ein Vorkämpfer, ein Vorbild. Er hat eine grosse Zahl von Menschen bewegt, sich für den Frieden, die Gerechtigkeit und den Erhalt der Umwelt einzusetzen. Politiker wie Nationalrat Christoph Eymann, der als Gewerbedirektor die Sun21 unterstützt hat, und Wirtschaftsleute haben seine ­Anliegen aufgenommen. Zuletzt haben ihn die klima­streikenden Jugendlichen immer wieder zu ihren Streiks und Demonstrationen eingeladen. Sein Feuer, seine sanfte Beharrlichkeit, seine Kompromisslosigkeit, sein vorbildlicher Lebenswandel haben die ­Menschen bewegt, angespornt, motiviert, aber auch herausgefordert. Es war nicht immer einfach.

Martin Vosseler hat seine Berufung zum Arzt ganzheitlich und umfassend gelebt. Der hippokratische Auftrag bestand für ihn darin, sich nicht nur für die Heilung der Kranken, sondern auch für den Schutz und die Bewahrung der Umwelt und der Natur einzusetzen. Am 23.10.2019 ist er bei einem tragischen Fahrradunfall gestorben.

Dr. med. Guy Morin, Hausarzt, 
ehem. Regierungspräsident Basel-Stadt

Crédits

Lioba Schneemann

Adresse de correspondance

Dr. med. Guy Morin
Facharzt für Allgemeine Innere Medizin
Praxengemeinschaft ­Warteckhof
Grenzacherstrasse 62
CH-4058 Basel
Tel. 061 690 91 11
morin[at]warteckhof.ch

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