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Courrier / Communications

Russland: der Alkoholkonsum im Wandel

DOI: https://doi.org/10.4414/bms.2019.18346
Date de publication: 06.11.2019
Bull Med Suisses. 2019;100(45):1495-1496

Dr. med. Sergej Jargin, 
Moskau/Russland

Russland: Der Alkoholkonsum im Wandel

Die Antialkoholkampagne (1985–1989) in der UdSSR war anfangs erfolgreich, endete aber mit einem Misserfolg und wurde begleitet, neben einem vorübergehenden Rückgang der alkoholbedingten Sterblichkeit, von mehreren Todesfällen infolge eines gesteigerten Konsums von Surrogaten, technischen Flüssigkeiten und Parfümerie. Der Alkoholkonsum verminderte sich hierzulande seit un­gefähr der Jahrtausendwende, insbesondere in den Grossstädten. Das Verbrauchsmuster ­ändert sich auch: Man sieht heute weniger schwerbetrunkene Leute, es wird weniger Wodka und verstärkter Wein konsumiert, ­dafür aber mehr Bier. Die möglichen Ursachen: eine im Vergleich mit der Sowjetzeit verantwortliche Lebensweise, Betrügereien, Mobbing und Straftaten gegen Alkoholiker (u.a. mit dem Ziel, sie zu enteignen und ihnen ihre Wohnungen, Häuser und anderes Eigentum wegzunehmen), Verstösse gegen die medizinische Ethik bei der Behandlung alkoholabhängiger Patienten usw. [1]. Während der ­Sowjetzeit fanden viele Arbeiter keine vernünftige Alternative zu einem regelmässigen ­Alkoholkonsum, was von einer gewissen Eintönigkeit des damaligen Lebens begünstigt wurde. Paradoxerweise konnten die Werktätigen, die am Arbeitsplatz illegale Nebeneinkünfte hatten, sich z.B. ein Auto mit Garage oder eine Datsche leisten, was Möglichkeiten eines alkoholfreien Zeitvertriebes bot. Die sorgenfreie Lebensweise ist nach den Wirtschaftsreformen der Neunzigerjahre weitgehend verlorengegangen. Viele Betriebe wurden aufgelöst oder umstrukturiert; die Arbeitnehmer wurden erwerbslos in Verhältnissen eines unterentwickelten Sozialfürsorgesystems mit unzureichendem Arbeitslosengeld. Ähnliches Schicksal erwartete die Intelligenzija: Viele wissenschaftliche Institute wurden liquidiert oder reduzierten das Personal. Im Jahre 1993 wurde die Lebens­erwartung bei Männern in Russland auf um 59 Jahre geschätzt. Im Jahre 2008 bestand ein Unterschied in der Lebenserwartung für Männer zu einigen Ländern Westeuropas von ungefähr 20 Jahren. Seitdem ist die Lebens­erwartung gestiegen. Trotzdem bestehen beachtliche Unterschiede, zum Beispiel wurde im Jahre 2015 die Lebenserwartung bei Männern in der Schweiz auf um 81,3, in der Russischen Föderation auf um 64,7 Jahre geschätzt [2]. Unter Pathologen ist es bekannt, dass chronische bronchopulmonale Erkrankungen eine der häufigsten Todesursachen der Alkoholiker in Russland sind. Ausserdem wurde über zahlreiche Todesfälle nach Intoxikationen durch legal gekaufte Alkoholprodukte niedriger Qualität berichtet [1]. Die wichtigste Schlussfolgerung ist, dass die Gesellschaft sich um ihre schwächeren Mitglieder, einschliesslich jener mit alkoholassoziierten Krankheitszuständen, besser sorgen sollte, was heute im Hinblick auf das wirtschaftliche Wachstum auch realisierbar ist. Die folgenden Ursachen der relativ hohen Sterblichkeit in Russland insbesondere unter Männern sind in heutiger Fachliteratur nicht deutlich ablesbar: (1) eine unzureichende Zugänglichkeit der modernen Gesundheitsfürsorge für breite Bevölkerungsschichten und (2) eine niedrige Qualität bzw. Toxizität einiger legal verkaufter alkoholischer Getränke. Zugegebener­massen scheint sich die Qualität der Alkoholgetränke seit 10–15 Jahren allmählich zu verbessern; gefälschte Produkte können aber nach wie vor in den Läden angetroffen werden.

1 Jargin SV. Alcohol and Alcoholism in Russia: ­Insider’s Observations and Review of Literature. J Addiction Prevention. 2016;4(1):6.

2 WHO. Global Health Observatory (GHO) data. ­Annex B: tables of health statistics by country, WHO region and ­globally.

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