Horizons

Robert Oppliger, Suchtmediziner und Hausarzt

Zu ungeschickt für die Chirurgie

DOI: https://doi.org/10.4414/bms.2019.18084
Date de publication: 04.09.2019
Bull Med Suisses. 2019;100(36):1205-1207

Simon John

Arzt und freier Journalist

Als Arzt in Afrika helfen – das war sein Traum. Doch dann kam die offene Drogenszene am Platzspitz dazwischen. Robert Oppliger blieb und ist seither Tag und Nacht für seine Patienten erreichbar.

«Meine Kinder rauchen nicht und trinken kaum Alkohol», sagt Robert Oppliger. «Dafür braucht es neben ­Elternliebe vor allem Glück.»

Welche Drogen haben Sie selbst schon ausprobiert, Herr Oppliger?

«Opiate würde ich sofort nehmen, wenn es gut für mich wäre – da hätte ich keinerlei Gewissensbisse. Doch ich kenne keine Substanzen, die bei Gesunden auf Dauer einen positiven Effekt haben.»

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Robert Oppligers Praxis ist auch sein Zuhause.

Der Weg zu den Drogen wäre nur ein kurzer: Hinab in den Keller seines Hauses in der Bernoulli-Siedlung in Zürich-West. Der Naturboden ist mit Schotter belegt, es riecht nach Äpfeln und Kartoffeln. Unweit des Wein­regals stehen zwei Tresore, mannshoch. Der Inhalt: kistenweise Opiate und Benzodiazepine.

Oppliger betreut als Hausarzt die Leute in seiner Umgebung, aber auch viele Patienten mit Abhängigkeitserkrankungen. Die Schmerzkliniken überweisen ihm immer wieder neue Fälle: «Wenn sie nicht mehr weiterwissen und die Dosis an Opioiden zu hoch ist.»

Mehrmals täglich steigt er in den Keller hinab, um seine Patienten zu versorgen. Man könnte sagen, die Holzstufen sind sein Arbeitsweg. Er wohnt und arbeitet in diesem Haus gemeinsam mit seiner Frau Ga­briela, die sich als Ärztin auf Traditionelle Chinesische Medizin spezialisiert hat. Man betritt es durch eine Stube, die tatsächlich das Wartezimmer ist. Das Holz für den Ofen schlägt Oppliger selbst – Wärme für ihn und seine Patienten. Doch so gemütlich war es nicht immer.

Eigentlich wollte er Bauer werden

In den Achtzigern studierte Oppliger Medizin in Zürich. Warum, kann er nicht mehr sagen. Eigentlich wollte er Bauer werden, deshalb entschied er sich für etwas Handfestes, die Chirurgie. Eineinhalb Jahre lang versuchte er sich am Operationstisch. Doch ihm fehlte das Geschick, sagt er.

Noch während des Studiums heuerte er im Drop-In an, dem heutigen Zentrum für Abhängigkeitserkrankungen. Die Bezahlung war gut und nur hier durfte er schon wie ein Arzt arbeiten, obwohl er erst Unterassistent war. «Bei den Drogensüchtigen kommt es nicht so drauf an», hiess es.

Er wurde gerufen, wenn einer zusammensackte, sich in die Bewusstlosigkeit spritzte. Einmal in der Toilette eines Restaurants, da kam Oppliger zu spät. Auf dem Tisch stand noch der «Tee citron». Die Zitrone ausgedrückt, um das Heroin aufzulösen. «Ich bin da einfach reingerutscht», sagt Oppliger heute. «Mir wäre vorher nie eingefallen, Suchtmediziner zu werden.»

Denn eigentlich hatte Oppliger andere Träume: in Tansania als Arzt arbeiten. Er verschlang die Bücher von Albert Schweitzer, dem «Urwaldarzt». Kurz nach dem Studium hatte er seine zukünftige Frau Gabriela kennengelernt. Gemeinsam wurde ihnen die Leitung eines Spitals in Afrika in Aussicht gestellt. Doch dann kam alles anders, dann kam der Platzspitz.

Eine Schutzbrille gegen den Eiter

Die Fixerszene von ganz Mitteleuropa versammelte sich im Park neben dem Hauptbahnhof Zürich, zeitweise fünftausend Süchtige, die um Heroin feilschten und am Brunnen ihre Spritzen ausspülten. «Die Dealer fuhren mit dem Porsche in die Menge, die Polizei traute sich kaum hinein, es herrschte Faustrecht», sagt Oppliger. Schüsse fielen, Menschen lagen am Boden. ­Jemand starb in einer Astgabel, niemand bemerkte es. Oppliger schnitt täglich mehrere Abszesse auf, trug eine Schutzbrille gegen den spritzenden ­Eiter. Die Patienten waren oft schwerst krank, von AIDS bis auf die Knochen ausgezehrt. Das Krankenzimmer für Obdachlose auf dem Kasernenareal: «ein Kriegslazarett». Oppliger packte dort an, wo er gebraucht wurde.

Herr Oppliger, ist Sucht eine Krankheit?

«Ja. Aber wenn eine Erkrankung alles rechtfertigt, kann man niemanden mehr ernst nehmen.» Es gelte zusammen mit den Patienten zu beurteilen, wo man etwas dafür könne und wo nicht. Heute wie damals ist Oppliger gleich alt wie sie, er altert mit ihnen. Viele hätten das Bedürfnis, ihre Vergangenheit aufzuarbeiten: «Erkennen, bereuen, vergeben.» Auch bei ihren ­Eltern um Vergebung zu bitten: «Damals, als ihr mich gesucht habt auf dem Platzspitz.»

Dann, 1995, wurde die offene Drogenszene endgültig geräumt. Oppliger, mittlerweile Facharzt für Allgemeinmedizin, versorgte als Leiter des Rückführungszentrums die Süchtigen. Sie bekamen Methadon und wurden in ihre Gemeinden zurückgeschickt.

Ein Jahr später kam die Triple-Therapie gegen HIV auf den Markt. Oppliger erbettelte von Pharmavertretern einen Koffer voller Medikamente und brachte sie einem HIV-positiven Freund in der Dominikanischen Republik. An der Hand hielt Oppliger seine Tochter. Die Tropen bekamen ihr nicht gut: Brechdurchfall und infizierte Mückenstiche. Spätestens jetzt entschied Oppliger: Er wird nie nach Afrika ­gehen – seiner Tochter und seinen Patienten zuliebe.

Er blieb Leiter des Zentrums für Abhängigkeits­erkrankungen, forschte zu Hepatitis C und HIV. Seit 2001 arbeitet er parallel in seiner Praxis, seit 2017 ausschliesslich.

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Als Hausarzt behandelt Robert Oppliger auch viele Nachbarn in der Bernoulli-Siedlung.

Halleluja auf einer rosaroten Wolke

Hinter dem Haus liegt ein Garten, der Pfad ist schmaler als die Gräser hoch. Oppliger setzt sich unter eine Laube. In seinem Rücken liegt der selbst angelegte Teich. Nur wenige Meter weiter dröhnen Autos auf der Hardturmstrasse – doch die Frösche quaken lauter. Zeit für eine philosophische Frage. Sie bietet sich beim Thema Sucht an.

Herr Oppliger, gibt es einen freien Willen?

«Wir wissen nicht, ob es einen freien Willen gibt. Aber wir müssen so tun, als ob es einen gäbe», zitiert Oppliger frei nach dem Geistlichen Augustinus. Damit ist ­eigentlich schon alles gesagt, der Fatalismus in die Schranken gewiesen. Oppliger sieht sich als ­Agnostiker, aber als einen mit Hoffnung. «Vielleicht schwebe ich nach dem Tod auf einer rosaroten Wolke und singe Halleluja.» Das zu hoffen sei nicht verboten, und diese Hoffnung versuche er seinen Pa­tienten mitzugeben.

«Es ist das Widersprüchliche, was mich an der Suchtmedizin fasziniert», sagt Oppliger. Immer wieder werde man vor schwierige Entscheidungen gestellt. Das Widersprüchliche interessiert ihn auch an der Geriatrie, mit der er sich zunehmend beschäftigt. «Die ­Medizin wird immer mehr zum Abarbeiten von Checklisten.» Doch alte Patienten haben häufig verschiedene Erkrankungen. «Wenn Sie hier stur nach Guidelines ­arbeiten, dann wäre der Patient 48 Stunden am Tag beschäftigt.»

Eine Katze patrouilliert im Garten, sie lässt sich nicht ablenken. Auch Oppliger kennt keine Ruhe. Doch er kennt auch keine Arbeit. «Die Abgrenzung von der Arbeit macht mich unglücklich», sagt er. «Heute Nachmittag waren keine Patienten eingeplant, da war ich in der Limmat schwimmen.» Er lehnt sich zurück und wirkt zufrieden. «Wenn ein Patient um neun Uhr abends kommt, dann ist es halt so. Viele meiner Patienten haben Mühe, Termine einzuhalten. Das gehört zu ihrer Krankheit. Ich bin Tag und Nacht erreichbar, das macht mir nichts aus.» Man glaubt es ihm.

Oppligers ältere Tochter fängt gerade an, als Assistenzärztin zu arbeiten, und auch der Sohn überlegt sich das Medizinstudium. Oppliger scheint seine Kinder nicht abgeschreckt zu haben. «Ich möchte zeigen: Auch mein Modell funktioniert», sagt er. «Ich muss nicht durcharbeiten, denn meine Kosten sind niedrig. Ich habe kein Personal und mache alles selber – gemeinsam mit meiner Frau.» Zum Abschied überreicht er seine Visitenkarte. Er lacht und sagt: «Sie können mich jederzeit anrufen – Tag und Nacht.»

Crédits

Ariane Goerens

Adresse de correspondance

simonjohn[at]mailbox.org

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