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Courrier / Communications

Der Sterbeprozess ist ein wichtiger Lebensabschnitt

DOI: https://doi.org/10.4414/bms.2018.17364
Date de publication: 21.11.2018
Bull Med Suisses. 2018;99(47):1657

Dr. med. Monika Fry, 
Fachärztin für Kinder-, Jugend- und 
Erwachsenenpsychiatrie, Chur

Der Sterbeprozess ist ein wichtiger Lebensabschnitt

Mit der Ablehnung der neuen Richtlinien «Umgang mit Sterben und Tod» der SAMW (Schweizerische Akademie der medizinischen Wissenschaften) hat sich die Ärztekammer der FMH gegen eine Kultur des Todes gewendet.

Was braucht es jetzt, dass die Ärzte nicht wieder das Gefühl bekommen, dass sie mit Er­füllung von Todeswünschen ihren Patienten gerecht werden können?

Atul Gawande, ein amerikanischer Chirurg mit indischen Wurzeln, hat ein Buch geschrieben mit dem Titel Sterblich sein – Was am Ende wirklich zählt – über Würde, Autonomie und eine angemessene medizinische Versorgung, in welchem er über die Wichtigkeit sorgfältiger geriatrisch-medizinischer Behandlung als Voraus­setzung der Lebensqualität für Betagte berichtet. Von entscheidender Bedeutung für den Lebenswillen betagter Menschen sind freundliche und die persön­liche Entscheidungsfreiheit und Lebensart nicht zu stark einengende Wohnmöglichkeiten, in welchen bei Bedarf die Möglichkeit ­besteht, Unterstützung zu bekommen. Von solchen Umständen kann abhängen, ob jemand suizidal wird oder nicht. Auch wie sich jemand in Gesellschaft und Familie aufgenommen und willkommen fühlt – unabhängig vom Alter –, hat Einfluss auf die Lebensfreude. Mit dem neuen Entwurf der Richtlinien «Umgang mit Sterben und Tod» der SAMW wäre unsere Gesellschaft genau den anderen Weg gegangen: Hoffnungs­losigkeit, fallen lassen, Einsamkeit, mit sich selber fertig werden.

Sterben – ein wichtiger Lebensabschnitt

Der Sterbeprozess jedoch ist ein wichtiger Lebensabschnitt für einen Menschen, der, ähnlich wie andere Krisen, Wachstums- und Entwicklungsmöglichkeiten beinhaltet für alle Beteiligten, denn kein Mensch lebt in völliger Unabhängigkeit. In dieser Phase werden zwischenmenschliche Begegnungen möglich, die für die Nachkommen und für den Sterbenden von entscheidender Bedeutung sein können. Ich denke an mehr Offenheit, Fallenlassen von Vorurteilen, Scham und Hassgefühlen, Versöhnung mit sich und der Welt u.v.a.m. Diese Prozesse sind eben gerade nicht steuerbar, da sie einem dann widerfahren, wenn man sich «der Welt hingeben kann». Es entstehen Einblicke in Erlebenswelten, die vielleicht ein ganzes langes Leben lang verschlossen geblie­ben sind. Wie der Medizinethiker Dr. phil. Rouven Porz (SÄZ 2018;99[40]:1386) betont hat, gibt es noch andere Werte als die ­Autonomie, die da wären: Vertrauen, Mut, Verantwortung, Besonnenheit, Solidarität, Loyalität, Gerechtigkeit, Beziehungen. Was wissen wir schon in unserer oft bestehenden «Eingegrenztheit», für wen alles wir in unserem Leben Bedeutung haben und gehabt habe­n? Dies werden wir bei einzig auf Auto­nomie beruhender «Selbstverabschiedung» nie erfahren. Die Menschheit würde dadurch um eine Dimension ärmer.

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