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Horizons

Vom «Zappelphilipp» zu den «Kindern, die aus der Reihe tanzen»

DOI: https://doi.org/10.4414/bms.2018.17015
Date de publication: 22.08.2018
Bull Med Suisses. 2018;99(34):1127-1128

Patrick Haemmerle

Dr. med., MPH, Facharzt für Kinder- und Jugendpsychiatrie und -psychotherapie, Vorstandsmitglied der GGSP, Mitglied FMH

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Kurt Albermann (Hrsg.)

Wenn Kinder aus der Reihe tanzen

Psychische Entwicklungsstörungen von Kindern und Jugendlichen erkennen und behandeln

408 Seiten. Pro Mente Sana und Beobachter Edition; 2016.

ISBN 978-3-85569-838-7

Während das Kinderbuch «Struwwelpeter», worin die Geschichte des zappeligen Philipp, der zum Namens­geber dieser Problematik geworden ist, gleichsam eine populäre Psychopathologie des Kindes- und Jugend­alters war, so ist das Buch, über das hier berichtet werden soll, ein Rat- und Fachbuch, das sich nicht nur an ­Eltern, sondern an alle richtet, die mit Kindern zu tun haben, die anders sind.

Während sich die «offiziellen Instanzen» der seelischen Gesundheit, also BAG und OBSAN, noch immer bemühen, verlässliche Daten zur ­Epidemiologie psychischer Störungen im Kindes- und Jugendalter, bzw. die Inanspruchnahme kinder- und jugendpsychiatrischer Dienste, zu erhalten, haben zwei wichtige Institutionen, Pro Mente Sana und Der Beobachter, die Initiative ergriffen und Kurt Albermann, eine­n erfahrenen, sozialpsychiatrisch orientierten Kinderpsychiater, beauftragt, ein praxisnahes und allgemeinverständliches Buch über psychische Entwicklungsstörungen von Kindern und Jugendlichen herauszugeben: ein längst fälliges Buch!

Im Einleitungskapitel «Seele in Not», vom Herausgeber selbst verfasst, werden grundlegende Fragen geklärt («Wie häufig sind psychische Störungen bei Kindern? Wen trifft es? Macht Stress unsere Kinder krank?»), wichtige Informationen vermittelt («Mein Kind wird abgeklärt – wie geht das? Ihr Kind hat eine psychische Störung – was tun mit dieser Information?») und hilfreiche Empfehlungen abgegeben («Ihre grösste Verantwortung: Reagieren, wenn Sie selbst belastet sind? Wie können Sie Ihr Kind schützen?»). Dabei wird der Akzent konsequent auf die Destigmatisierung psychischer Störungen gelegt: «Wir müssen lernen, darüber zu sprechen!»

Der 1. Teil skizziert in 25 Kapiteln eigentlich einen psychosozialen Entwicklungsweg mit Lebensetappen-typischen Klippen und Blockaden. Von «Baby, was ist los mit dir?» (Schrei-, Schlaf- und Fütterprobleme) bis zu «Nichts geht mehr» (depressive und bipolare Störungen) werden die wesentlichen Entwicklungsprobleme und psychischen Störungen von Minderjährigen beschrieben und Unterstützungs- und Behandlungsmöglichkeiten erläutert. Von den Angststörungen geht es dann weiter über depressive Verstimmungen, zwanghaftes Verhalten und Tics zu den Schwierigkeiten im Erwerb der Kulturfähigkeiten – Lesen, Schreiben, Rechnen –, bis hin zu den «Intake/Output-Problemen»: also Essstörungen (Adipositas und Magersucht), Alkohol- und andere Drogenabhängigkeiten, auch nicht Substanz-gebundene. Tatsächlich klagen viele zeitgenössischen Eltern über ihre Verunsicherung bezüglich der für ihre Kinder bekömmlichen Bildschirmzeit (Medien, Internet und Onlinespiele usw.), wofür sie hier gute Hinweise bekommen. Im «Output»-Kapitel präsentiert ein ausgewiesener Fachmann das Vorgehen bei Einnässen und Einkoten («Hilfe, mein Kind macht noch in die Hosen»).

Es folgen aufschlussreiche Kapitel übers Schulschwänzen (Schulabsentismus: «Nein, ich gehe nicht in die Schule»), psychosomatische und somatopsychische Störungen («Immer Bauchweh») wie auch über Disso­zialität («Impulsiv, aggressiv, delinquent?»).

Im Kapitel «Die Tochter träumt, der Sohn ist wild – sind wir eine ADHS-Familie?» präsentiert Meinrad Ryffel kurz und konzis die heutzutage in der Öffentlichkeit sehr präsente Aufmerksamkeitsdefizit-Hyperaktivitätsstörung, ADHS. Dem erfahrenen und spezialisierten Kinderarzt gelingt es gut, das Syndrom verständlich vorzustellen. Bei den Behandlungsmöglichkeiten hätte der Rezensent gerne gelesen, dass nebst der Pharmakotherapie mit Psychostimulanzien, der Verhaltens-, Familien- und Gruppentherapie auch weitere ­Ansätze hilfreich sein können, etwa die psychodynamisch orientierte Spieltherapie, die durchaus auch ­ihren (Evidenz-basierten) Wert hat. Auch wenn der Autor des Kapitels ein erfahrener Kinderarzt und ausgewiesener ADHS-Spezialist ist, hätte es der Problematik gut angestanden, wenn das Kapitel von einem Kinderpsychiater verfasst worden wäre. Immerhin bildet diese Problematik gleichsam das «tägliche Brot» sowohl der niedergelassenen wie der institutionellen Kinderpsychiatrie: der «Modellpatient» unseres Faches – in Europa nicht weniger als in Übersee und neuerdings auch im Fernen Osten – ist nämlich ein etwa acht- bis elfjähriger Knabe mit sogenannten «exter­nalisierenden Verhaltensstörungen». Hierbei kann es sich, nach vertiefter kinderpsychiatrischer Differentialdiagnose, durch­aus um einen ADHS-Patienten handeln. Vielleicht liegt aber auch eine ganz andere Problematik zugrunde, wie z.B. eine agitierte Depression (Kapitel «Nichts geht mehr»), eine Reaktion auf eine trauma­tisierende Situation (Misshandlungs- oder Miss­brauchs­erfahrung) oder auf eine Familiensituation mit schweren Konflikten. Auch Kinder mit einem Entwicklungsrückstand (Kapitel «Tiefer IQ – und jetzt?») oder einer autistischen Entwicklungsstörung (Kapitel «Autismus – ein Trend?») können agitiert sein. Im Kapitel «Autismus – eine Erfindung?» gibt Ronny Gundelfinger, einschlägiger ­Spezialist aus Zürich, eine differenzierte, verständliche und hilfreiche Übersicht über diese Problematik, die in den vergangenen Jahren stark an Bedeutung gewonnen hat.

Das Kapitel «Mein Kind droht, sich das Leben zu nehmen – Suizidalität» fasst wesentliche Erkenntnisse der Suizidprävention klar und verständlich zusammen und räumt auch mit den immer wieder gehörten ­Mythen und Unwahrheiten auf, als da sind: «Nur nicht davon reden»; «ja nicht ansprechen»; «besser verschweigen» usw. Dabei ist eben das Gegenteil wahr: ­offenes, respektvolles und nicht-wertendes Ansprechen, authentische Präsenz und, nötigenfalls, der Einbezug von Fachpersonen sind wirkungsvolle Vorgehensweisen, um einen (jungen) Menschen im Leben zu behalten. Direkt an lebensmüde junge Menschen gerichtet («Denkst du manchmal daran, dir das Leben zu nehmen?») werden wichtige und rund um die Uhr verfügbare Telefone und Organisationen aufgeführt. Wünschenswert wäre es auch, im abschliessenden ­Abschnitt («Und wenn Ihr Sohn / Ihre Tochter es trotz allem getan hat?») hilfreiche Adressen und Vereini­gungen anzugeben, wie z.B. «Regenbogen» (www.verein-regenbogen.ch) oder «Nebelmeer» (www.nebelmeer.net).

Das Buch legt ein besonderes Augenmerk auf die frühen Entwicklungsprobleme, also auf die frühen Schrei-, Schlaf- und Fütterungsprobleme. Im Kapitel «Baby, was ist los mit dir?» werden bewährte Tipps und hilfreiche Strategien ebenso angeboten wie ein Download eines «Schlafprotokolls», das in der Beratungs­tätigkeit von erschöpften Eltern von Säuglingen und Kleinkindern sehr hilfreich sein kann. Im Kapitel «War­um Beziehung wichtig ist» erfahren die Lesenden, wie wichtig und zukunftsweisend diese frühe Lebensetappe ist und wie wertvoll sichere Bindungen sind.

Im weniger umfangreichen 2. Teil («Unterstützung ­finden») werden zentrale Begriffe und Ansätze beschrieben sowie Informationen zur kinder- und jugendpsychiatrischen Behandlung gegeben, welche Psychotherapie, Medikamente, Unterstützung für die Familie und in der Schule, sowie Leistungen der Invalidenversicherung beinhalten kann. In einem Anhang wird auf die heikle Problematik der fürsorgerischen Unterbringung von Kindern und Jugendlichen in einer geschlossenen Einrichtung oder psychiatrischen Klinik eingegangen.

Die abschliessende ausführliche Auflistung von einschlägigen Links im Internet, ausgewählte Buchtipps sowie ein ausführliches Stichwortverzeichnis helfen Eltern, interessierten Laien wie Fachpersonen, sich gut orientieren zu können.

Heinrich Hoffmann, der Autor und Zeichner des eingangs erwähnten Struwwelpeters – eigentlich ein Kinder- und Jugendpsychiater avant le terme – schuf sein Kinderbuch 1844 als Weihnachtsgeschenk für seinen erstgeborenen Sohn Carl. Auch wenn das hier besprochene Buch nicht speziell als Weihnachtsgabe konzipiert wurde, so würde es sich durchaus gut machen ­unter dem Tannenbaum engagierter Eltern. Darüber hinaus werden es auch angehende Fachpersonen im Bereich von Sonder- und Heilpädagogik und Kinderpsychologie, ja auch Kinderpsychiatrie, mit Gewinn ­lesen.

«Das schwierige Kind» am GGSP-Symposium

Die diesjährige Jahrestagung der Gesellschaft für die Geschichte der Schweizer Psychiatrie GGSP widmet sich dem Thema «Das schwierige Kind im Verlaufe der Geschichte». Der Anlass findet am 30. August 2018 in der Psychiatrische Universitätsklinik ­Zürich statt. Die Teilnahme ist kostenlos. Programm und Anmeldeformular unter www.ggsp.ch

Adresse de correspondance

dr.haemmerlep[at]hin.ch

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