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Courrier / Communications

Replik auf den Leserbrief von Prof. Adler

DOI: https://doi.org/10.4414/bms.2018.06886
Date de publication: 27.06.2018
Bull Med Suisses. 2018;99(2627):882-883

Dr. med. Johannes Brühwiler (Präsident)

Replik auf den Leserbrief von Prof. ­Adler

Die Qualitätskommission der SGAIM bedankt sich bei Kollege Adler, dass er mit seinem Brief einen kritischen Diskurs zu unserer Qualitätsstrategie anstösst. Denn Qualität nach unserem Verständnis basiert immer auf einer kritischen Betrachtung der Ergebnisse mit einem anschliessenden Verbesserungsprozess.

Der Begriff Qualität spielt heute in allen Professionen eine grosse Rolle. Die Grundprinzipien sind überall identisch. Wir haben in der Qualitätsstrategie bewusst die Definition einer nichtärztlichen Person aus dem Gesundheitswesen gewählt, um aufzuzeigen, dass das Thema alle Bereiche betrifft: «Qualität ist die Erfüllung von Forderungen und Erwartungen aus interner und externer Kundensicht an ­einen Dienstleister und seine Dienstleistungsprodukte, unter Berücksichtigung der zur Verfügung stehenden Ressourcen»[1]. Dieser Qualitätsbegriff ist sehr weit gefasst und zeigt auf, dass unser ärztliches Handeln über die reine Behandlung der Patientin oder des Patienten hinausgeht. Es hat nicht nur Konsequenzen für die Behandelten, sondern auch für andere Ärzte/-innen, für andere Mitarbeitende im Gesundheitswesen, für die Versicherungen und letztendlich auch für den Staat und seine Bürger/-innen. Das bedeutet, dass für die Kontrolle der Qualität einer Dienstleistung verschiedene Aspekte und verschiedene Berufsgruppen resp. Experten/-innen einbezogen werden müssen.

Der Vertrauensverlust, den Professor Adler anspricht, ist ein Phänomen in unserer Gesellschaft und betrifft nicht nur die Ärztinnen und Ärzte, sondern alle Berufsgruppen und Institutionen. Im internationalen Vergleich steht aber unser Berufsstand in der Schweiz sehr gut da. Hiesige Mediziner/-innen genies­sen das Vertrauen von über 80 Prozent der Bevölkerung, während unsere amerikanischen Kollegen/-innen auf einen Wert von nur 58 Prozent kommen [2].

Dieses Vertrauen rechtfertigen, aufbauen und gewinnen wollen wir mit Transparenz, indem wir aufzeigen, wie wir arbeiten und welche Ergebnisse wir erzielen. Dabei genügt es nicht, auf gute Prozesse und moderne Strukturen abzustützen, sondern wir wollen den konkreten individuellen Nutzen für den einzelnen Patienten aufzeigen.

Mit partizipativer Entscheidungsfindung verstehen wir nicht nur, dass die Patientin bei dia­gnostischen und therapeutischen Entscheidungen mitbestimmen kann, sondern auch, dass wir als Vertrauensperson den Nutzen und die Risiken von verschiedenen Optionen übermitteln, die Präferenzen und Werte von den Betroffenen einholen [3] und, am wichtigsten, dass wir die Unsicherheiten in der Datenlage übermitteln. Übermittlung von Unsicherheiten kann das Vertrauen erhöhen [4]. Dass das im Umfeld der Allgemeinen Inneren Medizin mit vorwiegend chronisch und multimorbid Erkrankten alles andere als einfach ist, ist uns sehr wohl bewusst. Trotzdem haben wir ein Modell entwickelt, als Ausgangsbasis für einen kritischen Verbesserungsprozess. Die SGAIM hat auch die Qualitäts-Charta der FMH/SAQM unterschrieben und wird sie umsetzen [5].

Unsere Strategie ist zudem in Übereinstimmung mit der Charta der SAMW [6], die im ersten Punkt festhält: «Die interprofessionelle Zusammenarbeit bindet Patienten als Partner ein. Informierte Patientinnen und Patienten und ihre Angehörigen wollen zunehmend eine aktive Rolle im Gesundheitswesen einnehmen und sich an Entscheidungen zur Therapie und Versorgung beteiligen. Sie sind als ‘Experten in eigener Sache’ massgeblich für die Behandlungsqualität und das Ergebnis mitverantwortlich.»

Bezüglich Qualität wird in der Charta unter Punkt 9 festgehalten: «Für alle Berufsgruppen sind die Qualitätssicherung und die Evaluation des Nutzens für den Patienten und die Gesellschaft ein Teil ihrer professionellen Haltung.»

Entsprechend ist es unsere professionelle Haltung und ein Kernelement unserer Strategie, dass wir den Nutzen unserer Tätigkeit für die Behandelten evaluieren. Ein kontinuierlicher Verbesserungsprozess mit Fokus auf den individuellen Nutzen der Patienten/-innen – wie zum Beispiel in unseren Qualitätszirkeln – ist für uns Standard.

Auch ein Bauprojekt – Kollege Adler erwähnt den Bau einer Brücke – ist nicht reine ­Inge­nieurskunst, sondern muss multiprofessionell konzipiert sein und wird ohne öko­nomisches Fundament scheitern. Wir haben im schweizerischen Gesundheitswesen Öko­nomen/-innen mit einer fundierten Kenntnis des Systems, die bemerkenswerte Analysen und Vorschläge vorgelegt haben [7]. Es lohnt sich auch für uns Ärztinnen und Ärzte, ihnen aufmerksam zuzuhören.

Lassen Sie auch uns lateinisch schliessen: Tempora mutantur et nos mutamur in illis.

Im Auftrag und in Zusammenarbeit mit den Mitgliedern der Qualitätskommission der SGAIM

1 SGAIM. Qualitätsstrategie. Version vom 15.2.2018.

2 Blendon RJ, Benson JM, Hero JO. Public Trust in Physicians – U.S. Medicine in International Perspective. New England Journal of Medicine. 2014;371:1570–2.

3 Mulley AG, Trimble C, Elwyn G. Stop the silent misdiagnosis: patients’ preferences matter. BMJ. 2012;345:e6572.

4 Armstrong K. If you can’t beat it, join it: Uncertainty and trust in medicine. Annals of Internal Medicine. 2018;168:818–9.

5 Qualitäts-Charta der Schweizer Ärzteorganisationen FMH/SAQM, Stand 3.12.2015.

6 Charta: Zusammenarbeit der Fachleute im Gesundheitswesen. Schweizerische Akademie der Medizinischen Wissenschaften, 2014.

7 Widmer W, Schaffhuser K. Gesundheitswesen gestalten. careum books, 2018.

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