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Courrier / Communications

Neuer Wein aus alten Schläuchen

DOI: https://doi.org/10.4414/bms.2018.06858
Date de publication: 27.06.2018
Bull Med Suisses. 2018;99(2627):883

Dr. med. Ruedi Brodbeck, Alchenflüh

Neuer Wein aus alten Schläuchen?

Brief zu: Van Spijk P. Die Medizin: Auf der Suche nach ­einem neuen Menschenbild. Schweiz Ärztezeitung. 2018;99(19–20):633–4. DOI: https://doi.org/10.4414/saez.2018.06537

Peter van Spijk fordert für die Medizin ein neues Menschenbild, in welchem (1) sich der Laie wiedererkennt, welches (2) medizinischen Aktivitäten sinnvolle Ziele vorgibt und das (3) den heute überhandnehmenden Fehlentwicklungen entgegenwirkt. Seit beinahe 2 Jahrzehnten arbeite ich in meiner Praxis in komplexeren Situationen (psychosomatisch-psychosoziale Erkrankungen, ernsthafte Krankheitsbilder mit sich abzeichnendem schwierigem Verlauf) bewusst mit einem Modell (Bild) des Menschen, von dem ich glaube, dass es die besagten Kriterien erfüllt.

Bei der Entwicklung dieses Modells habe ich mich an biblischen Grundlagetexten orientiert. Losgelöst von Fehlentwicklungen in der kirchlichen Tradition und Missverständnissen der Volksfrömmigkeit können diese alten Schriften durchaus etwas zu unserer Fragestellung beitragen. Die Bibel versteht den Menschen als untrennbare Ganzheit. Der von Descartes beschriebene Dualismus zwischen Körper und Seele ist ihr völlig fremd. Der Gedanke einer (nach dem Tod) unabhängig vom Körper existierenden (unsterblichen) Seele ist ausserbiblischen Ursprungs.

Die Ganzheit des Menschen beschreibt der Apostel Paulus folgendermassen: «… und vollständig möge euer Geist und Seele und Leib untadelig bewahrt werden …! (1. Thess. 5,23)»

In meinem Modell gehe ich von diesem Text aus und stelle die hier verwendeten Begriffe, also Leib (= griech. Soma), Seele (= Psyche) und Geist (= Pneuma), als gleichseitiges Dreieck dar. Die Ganzheit wird dadurch ausgedrückt, dass ein Dreieck nur ein Dreieck ist, wenn es drei Seiten und drei Ecken hat. Wenn etwas fehlt, ist es kein Dreieck mehr, geht die Ganzheit verloren.

Leib steht für die materielle Dimension unseres Seins. Leib ist die Domäne der naturwissenschaftlichen Medizin.

Seele steht für die psychischen Funktionen des Menschen, also z.B. für unsere Emotionen, Kognitionen und auch unsere Motivationen. Gedanken und Gefühle beruhen zwar auf körperlichen Vorgängen, sind aber wesentlich mehr als bloss diese körperlichen Vorgänge, es sind Äusserungen in einer neuen, anderen Dimension.

Geist steht für die religiös-spirituelle Dimension des Lebens, welche jedem Menschen ­innewohnt, unabhängig davon, wie er diese Dimension gestaltet und wie er die entsprechenden Fragen beantwortet.

Eine spirituell-religiöse Kernfrage ist diejeni­­ge nach dem Sinn. Die Sinnfrage kann nicht einfach über die Verstandesebene, also im ­Bereich der psychischen Dimension, gelöst werden. Wer in der Lage ist, zu denken, dass etwas Sinn macht, wäre gleichzeitig auch in der Lage, zu denken, dass es keinen Sinn macht. Sinn ist also nicht etwas, das man sich denkt, sondern etwas, das man «findet». Dieser Sinnfindungsprozess kann als religiös-spiritueller Vorgang verstanden werden.

Leib, Seele und Geist stellen nicht drei Teile des Menschen dar, sondern drei Dimensionen. Jeder Punkt im Dreieck steht immer in Beziehung zu allen drei Dimensionen, die sich ihrerseits gegenseitig beeinflussen. Eine Unterteilung (der Ganzheit) ist nicht möglich und erfolgt nur aus didaktischen Gründen. Wie der Raum durch die drei Dimensionen Länge, Breite und Höhe definiert wird, so der Mensch durch die drei Dimensionen Leib, Seele und Geist.

Mit zwei weiteren wichtigen Aspekten muss dieses 3-dimensionale Leib-Seele-Geist-Modell noch ergänzt werden: Der Mensch wurde als Bild Gottes geschaffen und er wurde auf Beziehung hin angelegt. Kein Mensch schafft es alleine. Wir sind von Anfang an auf Mitmenschen angewiesen. Die soziale Dimension kann als Kreis um das Dreieck gezeichnet ­werden. Sie prägt uns von klein auf (z.B. durch epigenetische Programmierungen) und wir prägen diese aktiv mit (vgl. Bindungsforschung).

Im Umgang mit unseren Mitmenschen kommt zum Ausdruck, ob wir unserer Bestimmung nachkommen, Bild Gottes darzustellen, Liebe zu üben und für die Mitmenschen da zu sein. Gottesbild und Menschenbild hängen unweigerlich zusammen. Eine Rückbesinnung (und damit Verankerung des Menschenbildes) auf einen Gott der Liebe und Gerechtigkeit könnte unsere Medizin vor weiteren materiellen oder ideellen Fehlentwicklungen schützen und menschlicher machen.

Ich habe die Erfahrung gemacht, dass sich in diesem Modell Menschen unabhängig ihres Bildungsstandes, ihrer religiösen Orientierung oder kulturellen Prägung wiederfinden. Es stellt eine gute Gesprächsgrundlage dar und wirkt vertrauensbildend. Patienten wissen sich verstanden und fühlen sich nun frei, auch über nichtmaterielle Gesichtspunkte des Lebens zu sprechen.

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