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Courrier / Communications

Mit vielem einverstanden – aber nicht mit allem*

DOI: https://doi.org/10.4414/bms.2017.06117
Date de publication: 25.10.2017
Bull Med Suisses. 2017;98(43):1411

Dr. med. Daniel Bracher, Gümligen

Mit vielem einverstanden –
aber nicht mit allem*

Brief zu: Martin J. Brief an Ignazio Cassis. Schweiz Ärztezeitung. 2017;98(39):1248.

Sehr geehrter Herr Kollege Martin

 

Ihre Artikel in der SÄZ lese ich mit Interesse, teile oft Ihre Meinung, war wie Sie Mitglied der FDP (während 40 Jahren, 2013 ausgetreten, weil es keine FDP mehr ist, sondern eine DOLP [dirigistisch opportunistische Lobbyistenpartei], siehe Tabakproduktegesetz) und bin für eine moderne Drogenpolitik im Sinne von Bundesrat Cassis usw., aber Ihre «unangemessen korporatistische Haltung der Mehrheit der Ärzte» bei Managed Care (MC) ist mir sauer aufgestossen.

Als Präsident des zusammen mit den Kollegen René Haldemann und Robert Schönenberger zur Bekämpfung der MC-Vorlage gegründeten Vereins für freie Arztwahl bin ich am Scheitern von MC nicht unschuldig, habe dieses jedoch als Hausarzt bzw. Pädiater und als Patient bekämpft, weil mir die Stossrichtung bzw. die absehbare Entwicklung alles andere als behagte. Ich bin ein überzeugter Anhänger der integrierten Versorgung, aber ich will die Spezialisten, mit denen ich zusammenarbeite, selber wählen, und sie mir nicht durch einen Netzmanager aufzwingen lassen, will auch nicht, dass ein Netzmanager alle möglichen Exklusiv-Verträge mit jenen Pharmafirmen und Spitälern schliesst, die nicht die beste Qualität, sondern dem Netz die besten Kickbacks liefern. Korporatistisch (wenn schon) schien mir die Haltung der Netzturbo, welche den Spezialisten diktieren wollten, was sie tun dürfen und was nicht. Und als wirklicher Liberaler behagte es mir nicht, dass der Wettbewerb verzerrt werden sollte: die Kassen sollen frei sein, verschiedene Versicherungen (Hausarztmodelle, Telemedizin, HMO usw. und auch MC) anzubieten, aber es ist nicht an den Politikern, den Wettbewerb durch einen differenzierten Selbst­behalt zu verzerren.

Leider war mir auf anderer Ebene kein Erfolg beschieden: Ich habe versucht, in direkten Gesprächen Exponenten der FMH für die standespolitische Hauptaufgabe zu gewinnen, nämlich sich für die Bevölkerung sicht- und spürbar um tiefere Gesundheitskosten zu bemühen, indem die Fachgesellschaften endlich Indikationen überprüfen. Die Juristen sorgen für Ordnung in ihren Reihen (Anwaltskammern, die Patente entziehen), die Vermögensverwalter (VQF) tun es usw., nur die Ärzte lassen sich Behauptungen über 20% entbehrliche Leistungen bieten, ohne sich bemüssigt zu fühlen, irgendwie darauf zu reagieren. Man beisst auf Granit. Siehe auch die uneinsichtige Tomaschett-Jörimann-Replik [1] auf den vernünftigen Mahnruf von NR H. Brand bzw. die gehässigen Leserbriefe Richtung NR Brand und den Applaus für die Uneinsichtigen [2]. Die Leute kümmern sich lieber um TARMED, die unsinnigste gesundheitspolitische Massnahme, die je in der westlichen Hemisphäre ergriffen wurde. 

Mit freundlichen, kollegialen Grüssen

 

* Aufgrund der interessanten politischen Implikationen hat Jean Martin angeregt, diese ursprünglich an ihn persönlich gerichtete Zuschrift als Leserbrief in der SÄZ zu publizieren.

1 Tomaschett M. Behandlungsqualität und Ratio­nierung in der Krankenversicherung. Schweiz Ärzte­zeitung. 2017;98(28–29):896–7.

2 Schweiz Ärztezeitung. 2017;98(35):1105–6.

3 Bracher D. Bedenkliche Standespolitik. Schweiz ­Ärztezeitung. 2016;97(33):1117.

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