Horizons

Zur Geschichte der Chirurgie und den Tiefen des Ichs

DOI: https://doi.org/10.4414/bms.2017.05636
Date de publication: 14.06.2017
Bull Med Suisses. 2017;98(24):790–791

Thomas J. Strasmann

Arnold van de Laar

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Schnitt!

Die ganze Geschichte der Chirurgie erzählt in 28 Operationen

Aus dem Niederländischen von Bärbel Jänicke

München: Pattloch; 2015.

432 Seiten. 31.90 CHF.

ISBN 978-3-629-13072-3

Die ganze Geschichte der Chirurgie erzählt in 28 Operationen, so lautet der Untertitel des schönen Lesebuches des niederländischen Chirurgen Arnold van de Laar, das mich vergangenen Sommer gefesselt hat. Nun, die «ganze» Geschichte der Chirurgie ist augenzwinkernd zu verstehen, es ist ein Lesebuch voller Geschichten über den Körper, über Operationen und uns Menschen.

Wussten Sie beispielsweise, warum die Pro­stata heisst, wie sie heisst? Ich dachte (als Anatom), ich wüsste warum – doch nun erst habe ich begriffen, dass sie bei Blasensteinoperationen im Weg ist, und daher der Name kommt, und nicht von falsch gedeuteten Erektions-Verstärkungen bei Druck auf die «Vorsteherdrüse». Peinlich, dachte ich, hat zum Glück niemand gemerkt die letzten 40 Jahre …

Tatsächlich ist van de Laars Buch voller Überraschungen und fröhlicher Wendungen, man kann es wirklich wie einen Krimi lesen. Und in jedem Kapitel gibt es eine (entspannt und locker gemachte) «Lern-Ecke», einen Kasten, zum Beispiel über «Blutkreislauf» oder «Lage und Richtung im Körper». Nebenbei lernen die Lesenden, dass vernarbtes Gewebe in der Regel wenig schmerzempfindlich ist, oder zum Beispiel warum (wie im Kapitel acht «Lucy und die moderne Chirurgie» plaudernd erläutert wird) ein Konstruktionsfehler des «Affenkörpers» mit der Aufrichtung unserer Vorfahren die Varizen erstmals entstehen lässt. Und indem van de Laar uns die Anekdote von Cäsars Onkel erzählt, der unbedingt stehend operiert werden wollte, und dabei uns erläutert, was hydrostatischer Druck ist und was dieser so alles anrichten kann, entsteht aus dieser Mischung von Schmunzeln und Mitleid ein gutes, ein lebendiges Bild vom Körper. Deshalb ist dieses chirurgisch-körperliche Lesebuch ein gutes, ein sehr mensch­liches Buch! Man kann Schnitt! auch als Ärztin oder Arzt selbst lesen, was ja leider bei vielen populärwissenschaftlichen Büchern von Kollegen oft nicht gut gelingt (zu lustig, zu lückenhaft, zu unerträglich flach oder sogar falsch). Ich empfehle Schnitt! meinen Lernenden der medizinischen Lehr-und Ausbildungsberufe und selbst den «frischen» Studierenden – ja, eigentlich allen, die an Medizin und am Körper interessiert sind. Für mich ist es vollkommen verständlich, dass das Österreichische Bildungsministerium dieses Buch ausgewählt hat für die Shortlist des Wissensbuches 2016, denn, wie geschrieben, es ist ein gutes Buch.

Zu guter Letzt werfen Sie doch noch einen Blick auf die Themenliste (siehe Kasten), damit Sie, wenn Sie Schnitt! bei nächster Gelegenheit verschenken, nicht überrascht werden von den klugen Fragen der Beschenkten …

Themenliste

Lithotomie – Asphyxie – Wundheilung – Schock – Adipositas – Stoma – Fraktur – Varizen – Peritonitis – Narkose – Gangrän – Diagnose – Komplikationen – Dissemination – Abdomen – Aneurysma – ­Laparoskopie – Kastration – Lungenkarzinom – ­Placebo – Nabelbruch – short stay, fast track – Mors in ­tabula – Prothese – Carotis – Gastrektomie – Fistula ani – Elektrizität.

Adresse de correspondance

TJStrasmann[at]everything-virtual.org

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